16.11.2018

Kommentar Spargel & Erdbeerprofi Nr. 05/2018 - Mehr Geschlossenheit wäre oft wünschenswert

Thomas Kühlwetter

Wir leben in einer Marktwirtschaft und die Freiheit zur Entfaltung der eigenen unternehmerischen Kreativität ist ein absolut hohes, unantastbares Gut sowie ein Motor der Wirtschaft. Unternehmerischer Mut, Innovationsgeist und das Geschick jedes Einzelnen haben unserer Branche zu einem Aufschwung verholfen, der sich von der Entwicklung in vielen anderen Bereichen der Landwirtschaft deutlich nach oben abgrenzt. Aber Entwicklungen sind endlich, sie verlaufen nicht eindimensional in eine Richtung, wie viele Erzeugerbetriebe in dieser Saison feststellen mussten.

Worin liegen die Ursachen?

Eine Ursache – und wahrscheinlich auch von ihrer Auswirkung her betrachtet die wichtigste – ist sicher in der absolut extrem verlaufenden Witterung in der Saison 2018 festzumachen. Auch 2017 war der Witterungsverlauf schon phasenweise extrem, dies jedoch im direktem Vergleich mit 2018 in einer fast konträren Ausprägung. Nahezu alle Erzeugerbetriebe nutzen heute die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, wie Folien- und Vliesabdeckungen, Tunnel, Überdachungen, die Beregnung zum Frostschutz oder zur Kühlung der Pflanzen, um Erntezeiträume und Erntemengen zu steuern und die Qualität ihrer Produkte zu verbessern. Doch selbst bei konsequenter Nutzung der Verfahren bleiben die Auswirkungen dieser Steuerungsmöglichkeiten unter extremen Witterungsverhältnissen begrenzt.

Eine weitere Ursache sind die als Folge einer permanenten Effizienzsteigerung in den Anbauverfahren höheren Erträge. Beleitet von stetigen Flächenerweiterungen – zumindest beim Spargel – wächst das Angebot auf dem Markt. Wenn dann Witterungsbedingt nahezu alle Maßnahmen zur Ausweitung der Saison und zeitlichen Splittung des Angebotes nicht greifen und in wenigen Wochen Mengen auf den Markt drängen, auf die der Einzelhandel (und vielleicht auch die Verbraucher) nicht eingerichtet sind, passiert, was wir in diese Saison erlebt haben.

In der gesamten Kette gibt es unter solchen Umständen eigentlich keine Gewinner, außer den Verbrauchern und vielleicht phasenweise dem LEH, falls er trotz niedriger Einkaufspreise eine kräftige Marge aufschlägt.

Insgesamt ist aus der Direktvermarktung nach dem Ablaufen der Saison 2018 ein deutlich positiveres Echo der Erzeuger zu vernehmen als bei der Vermarktung über den Einzelhandel oder Großmärkte, selbst wenn in der Direktvermarktung auch die „Luft immer dünner wird“. Ein „weiter so“ beim Absatz über den LEH und die Großmärkte kann und darf es nicht geben, denn viele Erzeugerbetriebe stehen mit dem Rücken zur Wand.

Umdenken erforderlich

Zweifelsohne liefert unsere Branche dem LEH ein Premiumprodukt, mit dem er sich bei den Kunden profilieren kann. Was aber nützt ein Premiumprodukt den Lieferanten – und hier insbesondere den Erzeugerbetrieben – wenn sie mit zunehmender Tendenz austauschbar sind, austauschbar durch die Lieferung anderer Erzeugerbetriebe oder durch Importe wie in 2018 zum Teil bei Himbeeren geschehen.

Im Zeitalter der Digitalisierung ist mehr Weitblick und Vorausschau auf die Witterungsentwicklung ebenso zwingend erforderlich wie eine konsequente Umsetzung der daraus in den Betrieben abzuleitenden Maßnahmen. Gefordert ist auch eine andere Form der Mengen- und Preisdisziplin. 1 kg Spargel, das für 50 Cent am Großmarkt verkauft wird, belastet den gesamten Markt nachhaltig. Wer längerfristig unterhalb der Gestehungskosten verkauft, dem muss bewusst sein, dass er nicht nur die Wirtschaftlichkeit des eigenen Unternehmens schwächt. Doch wie genau kennen Erzeugerbetriebe ihre Gestehungskosten überhaupt?

Wertigkeit des Produkts herausstellen

Wenn wir nicht noch weiter auseinanderdifferenziert werden wollen und es den Abnehmern unserer Ware damit ermöglichen, den Preisdruck nochmals zu verschärfen, muss die Branche geschlossener auftreten. Die Erzeugerbetriebe müssen zum Teil eine neue Form des Selbstbewusstseins entwickeln – sie können stolz auf ihre regional und unter höchsten Qualitätsstandards erzeugten Produkte sein, auf die Einhaltung von Sozialstandards und die Nähe ihrer Produktion zum Verbraucher. Sie sind aufgerufen, ihren Erzeugnissen mehr Gesicht zu verleihen, damit sie weniger austauschbar sind und die Kunden bewusst nach ihren Produkten verlangen.

Thomas Kühlwetter

 

„Was aber nützt ein Premiumprodukt den Lieferanten, wenn sie mit zunehmender Tendenz austauschbar sind?“

Thomas Kühlwetter


Neuerscheinung

LZ Rheinland Nr. 49/2018

Gartenbau Profi Nr. 12/2018

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 04/2018

Rheinlands Reiter+Pferde 11/2018