03.05.2019

Kommentar Spargel & Erdbeerprofi Nr. 02/2019 - Wenn Hintergründe ausgeblendet werden

Thomas Kühlwetter

„...ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt“ – Pippi Langstrumpf hat sicher keinen philosophischen Ansatz verfolgt, als sie diesen für sie so prägnanten Satz aussprach. Mit ihren Geschichten ist es ihr gelungen, die Begeisterung und Aufmerksamkeit der Menschen rund um die Welt auf sich zu ziehen. Mit „#FridaysForFuture“ hat die 15jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg weltweit Schüler zu Massenprotesten zum Schutz des Klimas bewegt. 

Als Pippi Langstrumpf Karriere machte, wäre es unmöglich gewesen, in so kurzer Zeit weltweit so viele Menschen zu mobilisieren und eine derartige Popularität und Beachtung zu erlangen. Greta Thunberg meint es ernst. Ihr Anliegen ist berechtigt und der Klimawandel - so wie wir ihn in den zurückliegenden Jahren hautnah durch zum Teil einschneidende Veränderungen in unserem direkten Umfeld erleben - nicht wegzudiskutieren. 

Uneinigkeit herrscht jedoch dann vor, wenn es um die Erklärung der Ursachen und spätestens die Suche nach geeigneten und richtigen Lösungen gibt. Dabei ist uns allen bewusst, dass wir  handeln müssen, um die Zukunft unserer oder der späteren Generationen nicht noch stärker in Gefahr zu bringen, als dies nach gegenwärtigen Szenarien schon geschehen wird. Weitblick sowie fundierte wissenschaftliche Ergebnisse und Studien sind dabei eine wichtige Grundlage. Die Gefahr, dass mit einseitigen wissenschaftlichen Darstellungen politische Entscheidungen beeinflusst und damit letztendlich gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt werden sollen, ist wahrscheinlich jedoch höher als jemals zuvor. Diese Entwicklung ist mehr als bedenklich, geht es doch letztendlich um ein unstrittiges, gemeinsames Anliegen, bei dem alle Beteiligten an einem Strang ziehen sollten. Doch wie so oft, spielen Geld und Macht im Hintergrund eine große Rolle. 

Im Magazin „Journalist“ hat der bekannte ZDF-Moderator Claus Kleber sich zum Begriff „Haltungsjournalismus“ skeptisch geäußert: „Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff, weil Haltung oft als Feigenblatt für Denkfaulheit dient, das Mittreiben im Mainstream: Trump ist blöd, die Rüstungsindustrie kriminell, Autoindustrie neuerdings auch. Wer in diesen bequemen Korridor deftige Formulierungen findet, darf sich einbilden, eine Haltung zu haben, ohne sich mit der Sache wirklich zu befassen“, so Kleber im Interview. 

Die Äußerungen von Claus Kleber nur auf die Presse zu begrenzen, wäre viel zu kurz gegriffen, letztendlich funktioniert unsere gesamte Gesellschaft – oder zumindest weite Teil davon – nach diesem Muster. Warum soll man sich bei komplizierten Sachverhalten bis tief ins Detail kundig machen bzw. wo findet man im Rahmen einer unübersehbaren Informationsflut noch die Quellen, die tatsächlich ein neutrales Bild der Sachlage widerspiegeln? Gegen den Strom zu schwimmen ist unbequem, erfordert Mut, Selbstbewusstsein, einen klaren Kopf, gute Rhetorik und Durchhaltekraft – und dies in einer Zeit, in der Populismus immer weiter um sich greift. 

Populismus teilt Gesellschaften in die „Guten“ und „Bösen“. Auf der Seite der „Guten“ zu stehen, bedeutet, sich selbst ein positives Image zu verleihen. Vegan zu leben, Bioprodukte zu kaufen oder ein Elektroauto zu fahren, ist „In“ und beruhigt das eigene Gewissen. Anbau unter Folien, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder die konventionelle Tierhaltung stehen hingegen in der Kritik. Völlig außer Acht gelassen wird dabei – und dies ist eine hochgradig gefährliche Tendenz – Zusammenhänge als Ganzes zu betrachten. Dass die Übergänge von einem zum anderen Verfahren oftmals fließend sind, wie der Einsatz von Ressourcen und die Entsorgung im Einzelfall oder die Nachhaltigkeit in einem gesamten Prozessablauf zu beurteilen sind, interessiert oftmals nicht mehr.

„...ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien eine gute Durchhaltekraft und eine erfolgreiche Saison 2019, die den „stürmischem Start“ und die Blessuren der vorausgegangenen Saison weitgehend vergessen lässt.

Thomas Kühlwetter

Zitat:

Wer auf der Seite der „Guten“ steht, verschafft sich ein positives Gewissen.


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