15.12.2020

Kommentar LZ Rheinland Nr. 51/2020 - Deutschlandlabel 1.0

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ist die Zielscheibe schlechthin, wenn es darum geht, der Misere bei den Erzeugerpreisen einen Namen zu geben. Dabei ist er nur einer von mehreren Absatzkanälen. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Landwirtschaft ohne den LEH nicht auskommt. Aber er auch nicht ohne sie. Deswegen wäre ein gemeinsamer Antritt in Sachen fairer Umgang an der Zeit.

Für manchen scheint es so leicht zu sein. Der eine zahlt 50 Mio. € in die Initiative Tierwohl ein. Der andere setzt den Preis für ausgewählte Fleischstücke ein wenig herauf und will das Geld an die Bauern weiterleiten. Schon ist die Welt in den Augen von Managern des LEH wieder in Ordnung. Ist sie aber nicht. Das haben die vergangenen Tage gezeigt. Am Freitag der vergangenen Woche saßen denn auch Vertreter von LEH und „Land schafft Verbindung“ zusammen, um die Gräben ein wenig zuzuschütten. Auch wenn es handfeste Interessen auf beiden Seiten gibt – die einen wollen auskömmliche Erlöse, die anderen Ruhe vor den Auslieferungslagern und in den Filialen -, einen Durchbruch gab es nicht. Wie auch? Der LEH hat in Deutschland angesichts einer in Europa einzigartigen Schärfe des Wettbewerbs seine Strukturen und Abläufe auf höchste Effizienz getrimmt und arbeitet in eingefahrenen Spuren. Ein radikales Umkrempeln ist da kaum zu erwarten. Und der Unmut bei den Landwirtinnen und Landwirten schwelt seit Jahren, sie haben sich nun einmal auf den Lebensmitteleinzelhandel eingeschossen; hier bewegt man sich also auch in eingefahrenen Spuren.

Die Kritik der Landwirtschaft an der geballten Handelsmacht ist berechtigt. Dass die Erzeugerpreise keine großen Sprünge zulassen, ist hinlänglich bekannt. Kein Geheimnis ist zudem, dass Corona der latent prekären wirtschaftlichen Lage der Erzeugerstufe die Krone aufgesetzt hat. Nicht nur den Schweinehaltern. Die haben allerdings zusätzlich mit dem Importstopp wichtiger Zielländer aufgrund der Afrikanischen Schweinepest zu kämpfen. Das führt zu einem anderen wichtigen Aspekt. Der Lebensmittelmarkt kennt nicht nur zwei Beteiligte: auf der einen Seite die Erzeuger und auf der anderen den Handel. Die Marktverwerfungen durch Corona dürften jedem klargemacht haben, dass ein genauso wichtiger Absatzkanal der Außer-Haus-Verzehr ist. Bei manchen Erzeugnissen, wie zum Beispiel Pommes-Kartoffeln oder Braugerste, werden darüber in Normalzeiten größere Mengen der veredelten Produkte abgesetzt als über den LEH. Beim Thema Erzeugerpreise und der Frage, wer muss hier fair handeln, kann es also nicht einen Adressaten geben, auch wenn man den als Feindbild lieb gewonnen hat.

Ein einfaches Rezept, die Kuh vom Eis zu holen, gibt es nicht. Aber heißt es nicht immer, dass gerade besondere Situationen die Chance bieten, eingefahrene Pfade hinter sich zu lassen? Der Lebensmittelhandel gibt sich gerne den Anstrich, Transmissionsriemen für die Wünsche der Verbraucher zu sein. Von denen hört man immer, wie wichtig ihnen die Herkunft von Lebensmitteln ist, egal ob sie im Supermarkt kaufen oder in der Kantine essen. Die Landwirtinnen und Landwirte stöhnen zwar immer über Vorgaben, die für noch bessere und hochwertigere Lebensmittel sorgen sollen; aber sie sind genauso stolz da­rauf, dass sie mit ihrem Können diese Anforderungen aufs Trefflichste meistern. Dann kommt noch hinzu, dass die Pandemie das Thema Versorgungssicherheit in den Blickpunkt gerückt hat. Auch wenn der Handel derzeit quasi grenzenlos einkauft, ist das genauso in den Köpfen vieler Manager angekommen. Denen reicht schon ein Blick auf die britische Insel, um ihnen Sorgenfalten ins Gesicht zu treiben. Dort horten Supermarktketten gerade Festlandsware – aus Sorge, dass ein ungeregelter Brexit den Warenverkehr zum Erliegen bringt. Womit ließe sich noch handeln, wenn eine andere Krise den weltweiten Warenverkehr zum Erliegen bringt? Billig käme dann teuer, weil nichts im Regal liegt.

Nimmt man das alles zusammen, sollte es beiden Seiten einen ernsthaften Versuch wert sein, gemeinsam einen neuen Antritt am hiesigen Lebensmittelmarkt zu wagen. Zum Beispiel mit einem Deutschlandlabel. Ähnlich der Initiative Tierwohl ließe sich das privatwirtschaftlich organisieren. So könnte man unabhängig von europarechtlichen Einschränkungen (wie sie bei staatlichen Labeln zu erwarten sind) handeln und neben Fleisch alle anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse einbeziehen. Gemeinsamer Nenner: die Herkunft aus Deutschland; der Nutzen: verlässliche Qualität, gepflegte Landschaften und ein gutes Gewissen; der Bonus für die Erzeuger: bessere Preise für alle, die sich den Vorgaben unterwerfen; bezahlt aus einem Fonds, den alle Betriebe finanzieren, die Lebensmittel anbieten, und durch Preisaufschläge am Endprodukt. Das wäre ein traumhafter Anfang: ein Deutschlandlabel 1.0 sozusagen.


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