21.11.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 47/2018 - Schon mal über Chancen-Management nachgedacht?

Detlef Steinert

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, heißt es. Gerade Landwirte dürften den Eindruck gewinnen, dass die heutige Zeit so viele und so umwälzende Veränderungen mit sich bringt wie nie zuvor. Anstoßen kann die Gemeinsame Agrarpolitik Europas (GAP) solche Entwicklungen kaum, sie kann sie nur begleiten.

Glaubt man EU-Agrarkommissar Phil Hogan, sind die Weichen nun gestellt und die Agrarminister der EU-Mitgliedstaaten gehen seinen Weg der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) im Grundsatz mit. Diesen Eindruck vermittelte er zumindest am Montag nach Ende des Agrarrates in Brüssel (siehe Seite 8). Aber die Zielgerade ist noch lange nicht in Sicht. Im Raum stehen hehre Ansprüche wie weniger Bürokratie, mehr Markt, mehr Berücksichtigung von Umwelt-, Tier- und Klimaschutz, besseres Risikomanagement etc. pp. Das Ganze soll eingebunden sein in ein Vorgehen, bei dem den Nationalstaaten, in der Gestalt nationaler Strategiepläne, wieder mehr Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten eingeräumt werden sollen.

Dass es für die Ebene der Umsetzung, also dort wo es auf die Bauern ankommt und die GAP konkret auf sie zukommt, so gut wie nichts an Konkretem gibt, liegt auch an diesen Strategieplänen. Denn Brüssel wälzt den Part, in Gestalt der Strategiepläne, geschickt auf die Mitgliedstaaten um.

Wie viele Pflichten die GAP den Landwirten auferlegt, was sie dafür erwarten können und wie viele Freiheiten ihnen zugestanden werden, ist und bleibt also noch immer vage. Und wird es auf absehbare Zeit, leider, auch noch bleiben. Denn die zentrale Frage, mit wie viel Mitteln ist die GAP künftig ausgestattet, ist nach wie vor genauso offen. Über allem schwebt nicht nur die Ungewissheit, wie sich der Austritt der Briten aus der Gemeinschaft gestaltet. Die Antwort darauf ist so schwer vorauszusehen wie selten zuvor. Folgte doch auf die anfänglichen Hurra-Meldungen der vergangenen Woche unmittelbar der Kater, dass doch nicht alle Minister im Kabinett von Theresa May ihren Deal mitgehen, den sie zuvor mit Brüssel ausgehandelt hatte. Hinzu kommt, dass die neue Regierung Italiens in Brüssel einen nationalen Haushalt vorgelegt hat, der kaum mit den Stabilitätskriterien der EU und ihrer Finanzwächter in Übereinstimmung zu bringen ist. Auch die mehr als verhaltene Resonanz auf das ohnehin zaghafte Plädoyer von Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, einen gemeinsamen europäischen Haushalt einzurichten, zeigt, die EU war sich kaum weniger einig als heute, erst recht, wenn es ums liebe Geld geht. Daher halte ich die Weichen für eine Reform der GAP auch erst dann wirklich gestellt, wenn Parlament, Rat und Kommission ihr zugestimmt haben und ein Mehrjähriger Finanzrahmen verbindlich festgeschrieben ist. Kurz: In dem Punkt ist meiner Meinung nach also noch vieles im Fluss.

Überhaupt sehe ich den Hauptzweck der GAP, nachdem sie in vergangenen Jahrzehnten sehr wohl darauf ausgelegt war, die Landwirtschaft zu steuern, heute darin, sie zu begleiten, wenn sich veränderungen vollziehen, dort abzufedern, wo unbillige Härten damit einhergehen, und an anderer Stelle Entwicklungen zu fördern, wo sich neue Chancen für die Landwirte ergeben. Gravierende Veränderungen kann und sollte die GAP selbst nicht auslösen. Die Veränderungen, denen sich die Landwirtschaft heute gegenübersieht, ergeben sich schon allein aus Zwängen, die naturgegeben oder menschengemacht sind, sowie aus Wünschen und Begehrlichkeiten, die Verbraucher und Gesellschaft entwickeln. Welche Richtung sie nehmen, das bestimmen heutzutage nicht mehr nur die Innovationen, die Forschung und Wirtschaft bieten.

Oft gehört sind die Schlagworte, welche die Veränderungstreiber beschreiben: ob nun Digitalisierung oder Fleisch aus der Retorte. Doch so schnell wie neue dazukommen, so schnell verschwinden welche. Das macht es für Landwirte schwer abzuschätzen, welche Entwicklungen Bestand haben und welche Chancen oder Risiken bergen. Die EU, ihre Mitgliedstaaten und auch die EU-Kommission haben im Rahmen der anstehenden GAP-Reform längst nicht alles in trockenen Tüchern. In einem herrscht aber Einigkeit: das Risikomanagement der Landwirte besser zu machen, um Krisen besser zu bewältigen. Ich finde, die EU sollte das umdrehen und sich ein Instrument ausdenken, das den Bauern Chancenmanagement ermöglicht. Risikomanagement macht es sicher leichter, in Krisen zu bestehen. Perspektiven ergeben sich für die Betriebe indes daraus, wenn sie neue Chancen identifizieren und mit ihren Möglichkeiten ausreizen können.


Neuerscheinung

LZ Rheinland Nr. 49/2018

Gartenbau Profi Nr. 12/2018

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 04/2018

Rheinlands Reiter+Pferde 11/2018