17.11.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 46/2021 - Warten auf die schöne Bescherung

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Produktion wandert dorthin, wo es am günstigsten ist. So weit die Theorie volkswirtschaftlicher Lehrsätze. Die Realität führt einer den Überfluss gewohnten Gesellschaft gerade vor Augen, dass das Abwandern Schattenseiten und sogar Risiken haben kann. Die Landwirtschaft ist davon nicht ausgenommen.

Haben Sie schon Ihre Weihnachtsgeschenke zusammen? Wenn nicht, dann könnte das in diesem Jahr eine schöne Bescherung werden. Bei bestimmten Geschenkideen könnte es gut sein, dass die bis zum Fest nicht lieferbar sind und der Platz unter dem Weihnachtsbaum leer bleibt. Seit geraumer Zeit klagen deutsche Hersteller, dass ihnen Vorprodukte fehlen. So stehen zum Beispiel die Bänder in manchen Werken deutscher Autohersteller seit Längerem still, weil ihnen Computerchips fehlen, die für die Bordelektronik nötig sind. Die Engpässe bei elektronischen Halbleitern schlagen anscheinend auch schon bei Unterhaltungsgeräten durch. Die kommen allerdings vorwiegend aus Fernost, vor allem aus China. Auch die Bauwirtschaft klagt über Mangel an Material. Dämmstoffe sind knapp und Bauholz schon länger. Nicht zu vergessen Energieträger.

Wie schön war es für unsere Gesellschaft doch noch vor nicht allzu langer Zeit. Produziert wurde dort, wo es am günstigsten war. Der Handel reichte einen Teil der Kostenersparnis gegenüber hierzulande erzeugten Waren an die Verbraucherschaft weiter. So war vielen gedient. Der Handel machte Kasse, die Verbraucher sparten trotzdem und konnten sich mit dem Ersparten noch etwas zusätzlich leisten. Nur die Hersteller vor Ort zogen den Kürzeren, weil sie mit den aufgerufenen Preisen nicht mithalten konnten. Gedanken musste sich sonst niemand machen, denn ein austariertes globales Logistiknetz sorgte lange für reibungslosen Nachschub.

Bis Corona kam und infolge von Lockdowns Produktion und Auslieferung eingeschränkt wurden. Oder bis einige unglückliche Umstände, so zum Beispiel eine Schiffshavarie im Suez-Kanal, dem wieder anlaufenden Verkehr auf einer wichtigen Meerespassage einen mehrwöchigen Stau bescherten. Oder bis nach den Lockdowns die Produktion wieder anlaufen sollte, manche Unternehmen aber feststellen mussten, dass das Personal, das sie zuvor coronabedingt vor die Tür gesetzt hatten, nicht wieder zurückwollte. Oder bis einige weltpolitische Verwerfungen die Energiepreise so weit nach oben getrieben haben, dass es für manche Produzenten gar nicht mehr lohnt, ihre Anlagen laufen zu lassen, so wie etwa bei einigen Herstellern von Düngemitteln. Alles hängt mit allem zusammen – was der Naturforscher Alexander von Humboldt vor mehr als 200 Jahren einmal postulierte, spiegelt sich im Wirtschaftssystem des 21. Jahrhunderts wider. Ob Artenvielfalt, Ressourcenschutz oder Klimawandel, aber eben auch Versorgungssicherheit – all diese Aspekte müssen heute zusammen gedacht werden.

Das scheint auch der EU-Kommission mittlerweile aufgegangen zu sein. Die hält seit Wochen eine Studie unter Verschluss, die sich – immerhin das ist bekannt – mit den Folgen des sogenannten Green Deal auseinandersetzt beziehungsweise mit dessen landwirtschaftlichen Kapitel, der Farm-to-Fork-Strategie. Nicht bekannt ist, welche Richtung die Folgen der Studie zufolge nehmen. Vielleicht haben sie eine Richtung, die der EU-Kommission nicht schmeckt? Vielleicht kommt die Studie zum Schluss, dass die schönen Ziele hinsichtlich des Schutzes von Weltklima und Biodiversität nur Utopie und unerreichbar sind, solange es keinen wirkungsvollen Ersatz für die vorgesehenen drastischen Einschränkungen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder Düngemitteln gibt? Das würde jedenfalls die Geheimniskrämerei der EU-Kommission erklären.

Eine Ahnung von möglichen Folgen bekommt der Lebensmitteleinzelhandel gerade zu spüren. Dort stehen aktuell zwar vor allem Versorgungsengpässe im Vordergrund, weil Rohstoffe für Verpackungen fehlen. So ist zum Beispiel Aluminium knapp. In der Folge stockt der Nachschub beliebter Getränke. Wo sich sonst Cola-Dose an Cola-Dose reiht, klaffen jetzt Lücken in den Regalen. Zu diesen sogenannten Eckartikeln, an denen Kunden festmachen, wo sie am besten einkaufen, gehören auch Milchprodukte. Im Interview (S. 14) warnt Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes (MIV), dass die Milchproduktion in der EU als Folge des Green Deal sinken könnte. Die Befürchtungen von Agrarpolitikern aus dem EU-Parlament gehen sogar noch weiter (S. 7). Auch die Agrarminister der EU-Staaten warnten auf ihrer Sitzung in dieser Woche vor dem Abwandern der Nahrungsmittelerzeugung infolge der Kommissions-Pläne. Sollte das eintreffen, wäre das keine wahrhaft schöne Bescherung.