13.11.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 46/2018 - Wertschätzung unterm Weihnachtsbaum

Kathrin Ernsting

So langsam tauchen sie überall auf: die Weihnachtswichtel. In Kindergärten und Schulen, in Vereinen, im Freundeskreis und auch in manchen Familien wird „gewichtelt“. Kleine Geschenke machen Freude und bringen Schenker und Beschenkten auch zusammen. Dass Menschen in Stadt und Land wieder mehr voneinander wissen, ist der Gedanke hinter der Wichtelaktion von „Deichdeern“ Julia Nissen.

„Was für eine tolle Idee“ und „Freue mich jetzt schon drauf“ sind die häufigsten Kommentare auf einen Facebook-Aufruf vom Wochenende. Die Deichdeern, eine junge Frau vom Hof, hat sich ein großes digitales Netzwerk aufgebaut. Mit dabei sind interessierte Städter, Landwirte und viele andere Bewohner der unterschiedlichsten Regionen Deutschlands und sogar über die Grenzen der Republik hi­naus. Vielleicht war es deshalb naheliegend, eine Aktion zu starten, mit der sich diese unterschiedlichen Menschen besser kennenlernen. Denn statt wie üblich im Internet über ihr Leben auf dem Milchviehbetrieb in Nordfriesland zu erzählen, steht für die nächsten Wochen das aktive Vernetzen im Fokus: Als Weihnachtswichtel sollen sich Stadtmenschen und Landmenschen gegenseitig beschenken und Briefe schreiben – so richtig von Hand, wie man das früher gemacht hat.

Und das ist auch die Idee hinter der Wichtelaktion: mit dieser Form von Aufmerksamkeit sich gegenseitig Wertschätzung auszudrücken – auch wenn man sich gar nicht persönlich kennt! Das mag seltsam klingen, denn wie soll man etwas schätzen, das man gar nicht kennt?

Doch genau das sollen die Briefe bewirken: Dass Städter und Landmenschen sich kennenlernen, sich beim Briefeschreiben in die Lebenswelt des jeweils anderen hineinversetzen und die Kluft, die unsere Gesellschaft manchmal ziemlich strapaziert, durch etwas mehr Verständnis für den Blick des anderen auf das Leben abgemildert wird. Wenn die Deichdeern von sich sagt, „Ich träume von einer Welt, in der Land- und Stadtmenschen sich wieder nähern. In der sich beide Parteien gegenseitig mehr wertschätzen und Vorurteile abgebaut werden“, kann man doch nur von Herzen zustimmen.

Dass das auch klappen kann und nicht nur ein hehres Ziel bleibt, hat die Aktion bereits bei der Premiere im vergangenen Jahr gezeigt: Mehr als 180 Stadt- und Landwichtel hatte Julia Nissen damals zusammengeführt, die sich gegenseitig das Leben bereichert haben – weit über die Weihnachtswichtelzeit hi­naus. Denn die kleinen Geschenke waren nicht so wichtig wie die neuen Kontakte, die dadurch entstanden sind. Aus manchen Weihnachtswichtelpaaren wurden Brieffreunde und manche der Teilnehmer aus dem Jahr 2017 besuchten sich sogar persönlich. So kann jeder zu einem Botschafter für das Land, seine Menschen und die Heimatregion insgesamt werden!

Wenn der Deutsche LandFrauenverband dieser Tage einmal wieder dazu aufruft, die Landflucht zu bekämpfen, indem die Stärken des ländlichen Raums besser kommuniziert werden, klingt das nach einer großen politischen Aufgabe. Doch sind nicht solche Botschaften, wie sie die Deichdeern-Wichtel verbreiten, sogar noch wichtiger? Sich persönlich auszutauschen über das, was man am eigenen Leben schätzt, ohne dabei die Art und Weise des anderen geringzuschätzen. Sich bewusst in den anderen hineinzuversetzen, ihm mit offenem Herzen und persönlichem Interesse zu begegnen. Und sich gegenseitig mit der Zeit, die man in etwas so Simples wie einen Brief steckt, eine Freude zu machen. Denn wenn es menschelt, wir echt und offen mitei­nan­der sind, entsteht mit Sicherheit mehr Verständnis, als bei jeder noch so guten Lobbyarbeit. An dieser Stelle also ein herzliches Dankeschön an den Oberwichtel Julia Nissen und die engagierte Wichtelarmee für die Post, die auch in diesem Jahr wieder Wertschätzung unter den Weihnachtsbaum bringt!

Übrigens: Wer sich an der Aktion #StadtLandWichteln2018 beteiligen möchte, kann sich bis zum 2. Dezember auf der ­Internetseite www.deichdeern.com oder über den Facebook-Beitrag, den auch die LZ geteilt hat, mit einem Formular registrieren.


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