15.11.2017

Kommentar LZ Rheinland Nr. 46/2017 - Trägheit und Scheuklappen

Bei der Weltklimakonferenz in Bonn wurde auch darüber diskutiert, wie man die Treibhausgase in der Landwirtschaft senken kann. Während viele Verbraucher noch ohne schlechtes Gewissen einen SUV kaufen und aus Bequemlichkeit Steingärten anlegen, spüren Bauern den Klimawandel bereits unmittelbar in ihrem Arbeitsalltag.

Andrea Bahrenberg

25 000 Gäste aus aller Welt diskutierten in der vergangenen und in dieser Woche bei der Weltklimakonferenz in Bonn darüber, wie man den Klimawandel aufhalten kann. Konkrete Ziele werden dabei wohl nicht herauskommen. Denn der Maßnahmenkatalog, der dem Pariser Klimaabkommen von 2015 folgt, soll erst im kommenden Jahr im polnischen Kattowitz verabschiedet werden. In Bonn sollen nur die Richtlinien zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens ausgearbeitet werden. „Warum passiert da nichts?“, werden sich viele Bauern ärgern.

„Der vorherrschende Gemütszustand in Bezug auf das Klima ist die Trägheit, das am meisten getragene Accessoire sind Scheuklappen“, stellte der „General-Anzeiger Bonn“ in einem Kommentar treffend fest. Der Klimawandel ist Realität. Allerdings scheinen die Folgen für unsere Wohlstandsgesellschaft sehr weit weg. Wie sonst sollte man sich erklären, dass immer mehr SUVs auf den Straßen fahren, die kein Mensch zum Leben benötigt, Kerosin über Rheinland-Pfalz ausgestoßen wird, damit Flugzeuge leichter weiterfliegen können, Billigflieger zu umweltbelastenden Kurztrips einladen, immer mehr Steingärten vor dem Eigenheim angelegt werden, wo Insekten und Vögel keinen Lebensraum finden ... und viele kleine Umweltsünden mehr. Billig werden Nahrungsmittel eingekauft. 1,3 Mrd. t Lebensmittel, ein Drittel der globalen Nahrungsmittelproduktion, landen in der Tonne. Wäre die Lebensmittelverschwendung ein Kontinent, wäre sie der drittgrößte Treibhausgasverursacher nach China und Russland. Und trotzdem scheint für den Verbraucher einfach alles weiterzulaufen nach dem Motto: Hauptsache bequem. Der Klimawandel betrifft den deutschen Bürger nicht wirklich. Es sind keine unmittelbaren Folgen spürbar. Bei den Landwirten sieht das schon anders aus. Sie erleben hautnah Starkregenereignisse, Frostschäden an den Obstblüten, Trockenheit und Stürme. Sie müssen damit arbeiten. Ernteausfälle sind die Folge. Aber auch höhere Investitionen in Schutzmaßnahmen und neu gezüchtete Sorten. Den Bauern muss in Zukunft noch mehr die Möglichkeit zur Vorsorge und Versicherung gegen zunehmende Wetterextreme gegeben werden.

Bei der Weltklimakonferenz in Bonn steht zum größten Teil die Industrie im Fokus. Im Bereich Landwirtschaft einigte man sich darauf, dass die Emissionen um über 30 % bis zum Jahr 2030 gesenkt werden sollen. Die Landwirtschaft ist für 8 % der Treibhausgase verantwortlich. In der Agrarbranche wurde schon viel eingespart und die Emissionen können weiter gesenkt werden. Wie das konkret in Nordrhein-Westfalen funktionieren kann, lesen Sie im aktuellen Interview auf S. 16.

In NRW stehen die Düngung und die Viehhaltung in der Kritik. Beim Wirtschaftsdüngermanagement wurde schon viel optimiert. Die NRW-Landesregierung hat die emissionssenkenden Ausbringungstechniken, wie Schleppschlauch und Schlitztechnik, gefördert. Da ist man auf einem guten Weg. Innerhalb der ersten Stunde nach der Ausbringung treten die meisten Emissionen aus. Daher ist die sofortige Einarbeitung ein Muss.

Laut den Vereinten Nationen (siehe den Bericht auf S. 7) liegt die Lösung sowohl in einer effizienteren Nutzung von Produktionsfaktoren als auch in der Verringerung von Lebensmittelverlusten. Mit effizienter Nutzung ist vor allem die Ressourcenschonung gemeint, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen, Bewässerungssysteme zu optimieren und vieles mehr.

Beim Klimaschutz muss man global denken – und es nicht nur als hehres Ziel vorgeben. Was bringt es, wenn die Erzeugung ins Ausland verlegt würde und somit auch die Treibhausgasemissionen nur in andere Länder abwanderten? In Deutschland hingegen hat man beste Voraussetzungen für die Nahrungsmittelerzeugung – mit den guten Böden, einem ausreichenden Wasservorkommen, einer guten Infrastruktur und einem milden Klima.

Fest steht schon lange: Beim Klimawandel ist die Landwirtschaft Problem und Teil der Lösung. Denn ohne Emissionsausstoß kann sie keine Lebensmittel produzieren. Gleichzeitig leisten Landwirte mit Wind-, Photovoltaik- und Biogasenergie einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende und produzieren Sauerstoff auf ihren Flächen. Klimaschutz liegt im ureigenen Interesse der Landwirte. Es gelingt am besten gemeinsam mit der Landwirtschaft.


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