24.10.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 43/2018 - Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Marilena Kipp

Keiner. Könnte man zumindest meinen, wenn man die Diskussionen über das zurückgekehrte Raubtier verfolgt. Schafe und Kälber dürften von den romantisch verklärten Sichtweisen der Wolfsliebhaber allerdings nicht ganz so viel halten. Der Wolf spaltet zusehends die Gesellschaft. Doch wie kommt ein wildes Tier zu so einem Kuschel-Image?

Keine Frage, der Wolf ist ein imposantes Tier. Er hat etwas Geheimnisvolles, Wildes, scheint für uns Menschen nicht ganz so gefährlich zu sein wie ein Tiger, aber eben auch kein zahmer Hund. Viele freuen sich über seine Rückkehr, Landwirte machen sich Sorgen (siehe S. 14). Dass diese durchaus berechtigt sind, zeigen die jüngsten Vorfälle in Sachen Isegrim: Mitte Oktober rissen Wölfe in Sachsen 40 Schafe, zahlreiche weitere wurden am nächsten Morgen vermisst. In den sozialen Medien folgten die Diskussionen. Die Meinungen gingen von „Das waren bestimmt keine Wölfe“ bis hin zu „Warum passen die Schäfer nicht besser auf?“. Nach fünf Minuten lesen verspürte man als Schafsympathisant das dringende Bedürfnis, ein paar knackige Gegenkommentare zu verfassen und sich selbst beruhigend die Schulter zu tätscheln.

Die Diskussionen um den Wolf zeigen zu deutlich, dass viele Menschen den Kontakt zur Natur verloren haben. Sie haben aus einem wilden Tier eine Art Symbol für ihre Sehnsucht nach Natur gemacht. Sie freuen sich über die Rückkehr eines Wildtiers, haben jedoch keinen Blick dafür, dass dies auch Folgen hat. Ist ja auch leicht, für den Wolf zu sein, wenn man in einer gemütlichen Wohnung weit weg vom nächsten Wald sitzt. Doch für den Tierhalter, der morgens mit einem bangen Gefühl im Bauch zu seiner Weide fährt, gilt das nicht. Und auch so mancher Spaziergänger oder Jogger, der gerne in der Natur unterwegs ist, hat vielleicht ab und zu ein unwohles Gefühl, wenn er alleine weit draußen ist. Mir zumindest würde es so gehen, wenn ich dort plötzlich einen Wolf heulen hören würde. Denn eins muss klar sein: Der Wolf ist kein Kuscheltier. Er ist ein wildes Tier, das nach über 100 Jahren einen Lebensraum zurückerobert, der nicht mehr der alte ist. Ergo kann man auch nicht davon ausgehen, dass er sich genauso verhält, wie es in den Fachbüchern von anno dazumal steht.

Das Beispiel aus Sachsen zeigt den schlimmsten Fall: Auch für den Wolf ist es keine natürliche Situation, auf eine Herde von Tieren zu treffen, die eben nicht einfach flieht, sondern eingezäunt ist. Das Resultat ist für den Tierhalter niederschmetternd und sinnlos. Dass dieser sich dann überlegt, die Weidehaltung an den Nagel zu hängen, ist völlig verständlich und nachvollziehbar. Ob Herdenschutzhunde und stärkere Zäune die Lösung sind, zweifeln auch viele an. Zumal es für die Natur bestimmt nicht förderlich ist, die Landschaft mit starken Stromzäunen zu zerschneiden.

Dass ein Wildtier zurückkehrt, ist an sich nichts Schlechtes, sondern eher ein Zeichen dafür, dass auch vieles richtig läuft. Doch man darf dabei das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Und dazu gehört es eben auch, alle Seiten zu betrachten und sich nicht von verklärten Bildern leiten zu lassen. Viele Wölfe, aber keine Weidehaltung – das kann nicht die Lösung sein. Das scheint auch langsam in der Politik anzukommen, zumindest scheint die Entnahme von Problemwölfen kein Tabuthema mehr zu sein (siehe S. 14). Wolfsschützer kritisieren dies. Ich frage mich, wo bei aller Sympathie für den Wolf das Mitgefühl für Kälber und Schafe bleibt. Denn sie haben sie zu Recht: die Angst vorm bösen Wolf.


LZ Rheinland Nr. 45/2018

Gartenbau Profi Nr. 11/2018

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 04/2018

Rheinlands Reiter+Pferde 11/2018