17.10.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 42/2018 - Nur nicht unterkriegen lassen

Dr. Elisabeth Legge

Das hat die NRW-Milchbranche nicht verdient. In der vergangenen Woche übte foodwatch heftige Kritik an der Förderung des Schulkakaos und vor allem an der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW.

Es war schon harter Tobak: Unverhofft erhielt die NRW-Milchbranche eine beachtliche, allerdings für sie unangenehme Medienpräsenz. Für viel Aufsehen sorgte die Verbraucherschutzorganisation foodwatch, die am Mittwoch vergangener Woche in Düsseldorf ihren Schulmilch-Report „Im Kakao-Sumpf: Von gekauften Studien bis zur wundersamen Partnerschaft von Milchwirtschaft und Politik“ vorstellte (siehe S. 10). Der Titel besagt schon vieles. foodwatch wirft der NRW-Landesregierung wegen der Schulkakao-Förderung „Absatzförderung zu Lasten der Kindergesundheit“ vor, spricht von einem „lobbyverseuchten Absatzförderprogramm für die Milchwirtschaft“ sowie von „jahrzehntelangen Verflechtungen zwischen Milchwirtschaft, Auftragsforschern und Politik“. Mit dubiosen Studien werde versucht, „gezuckerte Produkte gesund zu waschen“, argumentierte foodwatch und forderte letztendlich NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser auf, die steuerliche Förderung von gezuckerten Schulmilch-Getränken unmittelbar zu stoppen und die Zusammenarbeit mit der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW

(LV Milch NRW) beim Schulmilchprogramm zu beenden.

Das passt so richtig in den Zeitgeist, stehen doch zuckerhaltige Produkte im Verdacht, bei Kindern Übergewicht zu fördern. So rufen immer wieder Verbraucherschützer oder Politiker danach, solche Erzeugnisse mit einer Zuckersteuer zu belegen, wie gerade erst wieder der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Aber ob sich das Verzehrverhalten damit wirklich beeinflussen lässt, ist mehr als fraglich. Eine „Strafsteuer“ macht niemanden schlank. Gerade bei Kindern – aber auch bei Erwachsenen – kommt es auf eine gesunde Mischkost und genug Bewegung an, um Übergewicht zu vermeiden. Immerhin sind etwa 15 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig und 6 % sogar adipös, also fettleibig.

Aber zurück zum Schulkakao: Ganz bewusst hat sich die NRW-Landesregierung für die Subventionierung von Schulkakao entschieden. Die Portion Schulmilch wird seit diesem Schuljahr günstiger angeboten. Milchmischgetränke mit Vanille und Erdbeere werden zwar nicht mehr gefördert, am Schulkakao hält NRW jedoch fest. Denn bei Kindern und Jugendlichen ist das süße und schokoladige Getränk total beliebt. Außerdem liegt bei der Schulmilch in NRW der Gehalt an zugesetztem Zucker nur bei 4 % und somit deutlich unter der EU-Vorgabe von maximal 7 %.

Dass die Landesregierung den Kakao im Rahmen des Schulmilchprogramms weiter fördert, ist gut und richtig. Denn viele Kinder kommen ohne Pausenbrot und Getränk in die Schule und somit erhalten diese Kinder überhaupt ein Frühstück und dazu noch ein gesundes: Neben Energie liefern Milch und Kakao wertvolle Inhaltsstoffe, wie Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe, insbesondere Calcium. Wird Schulkakao nicht mehr gefördert, dann werden die Schüler nicht auf Milch pur oder Wasser ausweichen, sondern vielmehr zu noch zuckerhaltigeren Getränken, sprich Cola, Limonade oder Fruchtsaft, greifen. Und dies möchte foodwatch doch auch nicht, oder?

Im Fokus der foodwatch-Kritik – so zumindest der Eindruck – steht aber nicht der Schulkakao, sondern die „Milchlobby“. Die könne, so behauptet foodwatch, im offiziellen Auftrag und mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung „Werbung für ihre Produkte direkt im Unterricht“ machen. Damit spricht sie insbesondere die LV Milch NRW an und stellt sie an den Pranger – zu Unrecht. Denn eine Institution wie diese darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Am Ende ziehen nämlich die Milcherzeuger den Kürzeren, weil sie ihr Mitspracherecht zur Verwendung der Milch- und Fettumlage verlieren. Gutes Beispiel dafür ist Bayern. Dort ist die Landesvereinigung abgeschafft worden. In deren Nachfolgeorganisation haben jetzt ausschließlich private und Genossenschaftsmolkereien das Sagen.

Gerade in NRW leistet die Landesvereinigung einen beträchtlichen Beitrag zur Imagewerbung für die Milch – und dies mit großem Erfolg. Was früher zum Teil auch durch die CMA geleistet wurde, fängt diese Organisation an vielen Stellen auf. Weil sie unabhängig von Firmeninteressen auftreten kann, kann sie auch an den Schulen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Wissen über eine gesunde Ernährung zu vermitteln. An einer solchen Institution darf also nicht gerüttelt werden. Im Gegenteil: An den Haaren herbeigezogene Kampagnen sind eher ein Indiz dafür, wie erfolgreich und wirksam eine solche Organisation sein kann – auch um von anderen Lobbygruppen gesteuerten Informationen zur Ernährung weiterhin die Stirn zu bieten.


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