11.10.2017

Kommentar LZ Rheinland Nr. 41/2017 - Gerüstet sein

Die Butterpreise befinden sich auf einem historischen Hoch. Doch nicht zu früh gefreut. Die Tendenzen zeigen nach unten. Wird es dem Milchsektor dieses Mal gelingen, vor der nächsten Milchpreis-Krise gerüstet zu sein?

Andrea Hornfischer

Nach zwei wirtschaftlich katastrophalen Jahren konnten sich die Milcherzeuger in diesem Jahr über steigende Preise freuen. Der Butterpreis liegt auf einem historischen Hoch. Aber es ist nicht alles positiv. Die Milchpulverpreise befinden sich regelrecht im Keller. Wenig erfreulich auch: Der Höhenflug der Butterpreise scheint zumindest vorerst gestoppt. Die Blockbutternotierungen zeigten sich bereits in der zweiten Woche rückläufig. Auch an der EEX-Börse in Leipzig war eine Abwärtsbewegung der Kurse zu erkennen. Marktkenner setzen allerdings darauf, dass die Nachfrage vor dem Jahresende noch einmal anziehen wird. Inklusive aller Zu- und Abschläge rückt der Milchpreis bei vielen Molkereien aktuell immer näher an die 40 Cent heran. Die letzten Krisenjahre sind noch nicht verkraftet und die aufgerissenen Finanzlöcher noch nicht gestopft, da sind steigende Milchpreise bitter nötig. Wer redet da schon gerne von volatilen Märkten?

Kein Experte kann sagen, wie schnell oder tief die nächste Abwärtsbewegung am Markt ausfallen wird. Allen Beteiligten – Molkereien, Milcherzeugern wie Politik – sollte aber klar sein, dass man aus der letzten Preiskrise lernen muss. Kopfschüttelnd denken viele an die Beihilfen des Bundeslandwirtschaftsministeriums und das Sonderhilfsprogramm zurück, das über ein Jahr zu spät kam. Auch wenn Hilfsmittel im Krisenfall wichtig und für die Liquidität vieler Betriebe existenziell sein können, so war die Marktwirksamkeit zumindest der beiden Brüsseler Programme überaus zweifelhaft. Das bestätigte kürzlich auch das Thünen-Institut.

Kaum klettern die Milchpreise hoch, steigt nun auch wieder die Milchmenge. Den Milchbauern ist es nicht zu verdenken nach zwei Krisenjahren. Aber bei höherer Milchmenge ist auch der nächste „Schweinezyklus“ nicht weit weg. Was kann man tun?

Bereits in der vergangenen Krise haben einige Molkereien finanzielle Anreize oder zumindest klare Signale gesetzt, damit ihre Bauern den Fuß vom „Melkpedal“ nehmen und der Milchpreis im eigenen Unternehmen nicht durch billige Übermilch ins Bodenlose fällt. Denn: Nicht nur die strukturellen Herausforderungen für die deutschen Molkereien sind groß, auch der Prozess zur Etablierung marktgerechter und moderner Lieferbeziehungen ist noch nicht überall eingeläutet. Daher sollten gerade die Genossenschaften als Marktpartner der Bauern jetzt aktiv werden! Sie müssen das Ruder in die Hand nehmen, auch um endlich einen Gegenpol zur übergroßen Marktmacht von Lebensmittelhandel und -industrie aufzubauen. Einige Molkereien haben verstärkt an ihrer Produktpalette gearbeitet, um den Verbraucher mit innovativen Produkten zu gewinnen – erfolgreich.

Aktuell wird zudem von der Politik, aber auch vom Deutschen Bauernverband eine bundesweite Branchenorganisation für den Milchsektor gefordert, um die Wertschöpfung und damit auch den Erzeugerpreis für die Milchbauern zu verbessern. Dazu bedarf es branchenweiter Aktivitäten, Maßnahmen zur Förderung des Absatzes von Milchprodukten und Projekte, die branchenübergreifend vorangetrieben werden. Lesen Sie dazu auch den Artikel auf S. 8.

Klar ist: Die letzte Krise hat tiefe Spuren hinterlassen, abzulesen auch an einem erschreckenden Strukturwandel. Zwischen Mai 2016 und Mai 2017 haben 8 % der Milchbauern in NRW die Milcherzeugung eingestellt. Die Agrarminister der Bundesländer haben bei der jüngsten Konferenz in Lüneburg nochmals die Bedeutung der Milchviehhaltung hervorgehoben. Milcherzeugung ist mehr als die Produktion eines hochwertigen Lebensmittels! Der Politik ist klar, dass die Milchviehhaltung für die Pflege der Kulturlandschaft und zum Erhalt der ländlichen Räume extrem wichtig ist. Aber nicht nur das: Regional erzeugte Milch ist auch ganz im Sinne der Nachhaltigkeit. Kurze Transportwege, Frische, Qualität, Transparenz, der Erhalt der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und eben der Kulturlandschaft. Der Verband der Deutschen Milchwirtschaft, der Deutsche Bauernverband, der Deutsche Raiffeisenverband sowie der Milchindustrie-Verband haben sich erst in der vergangenen Woche gemeinsam dazu bekannt, die Milchwirtschaft im Sinne der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen nachhaltig zu entwickeln. Umso mehr sollte dies für alle Marktpartner Ansporn sein, um an Zukunftskonzepten zu arbeiten, die helfen können, das Ausmaß künftiger Preiskrisen zumindest abzumildern. Gas geben ist jetzt angesagt! Der Milchsektor selber muss jetzt eine Antwort finden, die langfristig gültig ist und bevor die Preise wieder sinken. Sonst – denn auch dies wurde in Lüneburg deutlich – könnte die Politik das Heft selber in die Hand nehmen.


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