06.10.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 40/2021 - Damit wenige stark bleiben

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Was die Landwirtschaft im Rheinland stark macht, ist ihre Vielfalt. Was sie schwächen kann, allerdings auch. Vielfalt in Einigkeit zu verwandeln, das ist die größte Heraus­forderung für die Berufsvertretung, aber auch ihre größte Stärke und ihr größter Hebel.

Wenn jemand 75 wird, begegnet man ihm mit Respekt. Man freut sich, wenn er bei guter Gesundheit ist, oder wünscht ihm diese, wenn sich erste Zipperlein zeigen. Als Gratulant beglückwünscht man den Jubilar auch zu dem, was er geleistet hat. Man stößt auf ihn an und lässt ihn hochleben. So ist das üblich. Aber wie macht man das, wenn eine Interessenvertretung 75 Jahre alt wird, so wie der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV)? Spricht man bloß dem aktuell höchsten Repräsentanten seine Glückwünsche aus? Das sicher auch. Aber der Sache gerecht wird das nicht. Denn vor diesem haben bereits andere die Geschicke gelenkt. Und mit ihnen haben viele weitere fleißige Hände und kluge Köpfe dazu beigetragen, der Landwirtschaft im Rheinland eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die übrigens nicht nur in den eigenen Reihen gehört wird, sondern auf die man auch in der Politik hört. Wobei hören nicht damit gleichzusetzen ist, dass die Politik schon machen wird, was die Stimme sagt. Das kennt man nicht erst seit Bärbel Höhn, der ersten grünen Agrarministerin in NRW und ganz Deutschland. Aber deren Ägide hat das Bewusstsein dafür geschärft, welchen Wert es hat, was den Rheinländern sowieso im Blut liegt: mit jedem zu reden. Dabei steht das (Zu-)Hören am Beginn jeder politischen Entscheidung. Am Ende steht dann hoffentlich eine Gemeinsamkeit, die Einigkeit darüber, was zu tun ist, damit es für möglichst viele passt.

Was zu tun ist, der Blick darauf hat sich in 75 Jahren nicht nur einmal gewandelt. Seit der Rheinische Landwirtschaft-Verband noch unter dem Eindruck der Kriegsjahre gegründet worden ist, ist die agrarpolitische Welt in Deutschland und in der Region durch Höhen und Tiefen gegangen: Vom Zwang, die Produktivität massiv zu steigern, bis zum Zwang, sie wieder zu drosseln. Ein Ziel durfte dabei nie aus den Augen geraten: Eine Zukunftsperspektive für möglichst viele Betriebe und damit möglichst viele Mitglieder zu schaffen. Und zwar in einer Weise, wie es unter dem Diktat des Reichsnährstandes nicht möglich war. Nämlich im demokratischen Austausch, im Dialog zwischen Politik und Betroffenen, und nicht von Parteibonzen von oben nach unten durchregiert, wie es in der Einheitsorganisation des Dritten Reiches an der Tagesordnung war und so gar nicht dem Selbstverständnis vieler rheinischer Bäuerinnen und Bauern entsprochen hat.

Es liegt auf der Hand, dass seit jeher nicht jeder spezielle Anspruch zu 100 % erfüllt werden konnte. Je nach Naturell mag das die oder der einzelne Betroffene als Versagen der Organisation auslegen und deren Rechtfertigung infrage stellen. Ohne diese individuellen Fälle zu kennen, stellt sich allerdings immer die Gegenfrage: Wer hätte es besser gemacht? Besser gekonnt hätten es bestimmt manche – wenn es nach ihrem Dafürhalten geht. Nur haben sie es auch gemacht und die Verantwortung übernommen? Eine Antwort erübrigt sich. Für eine ausführliche Leistungsbilanz des RLV fehlt an dieser Stelle der Platz. Eines darf man aber feststellen: dass er maßgeblich mitgewirkt hat an wegweisenden Konzepten, die zum Vorbild für andere Bundesländer geworden sind, oder sogar erst den Impuls dafür gegeben hat. Beispiele sind der kooperative Naturschutz, der in NRW eine jahrzehntelange Tradition hat, oder aktuell eine praxisgerechte Binnendifferenzierung roter und grüner Gebiete.

Beide Ansätze schaffen für die einzelnen Betriebe im Angesicht verwaltungstechnisch erzwungener Pauschalisierungen noch die größtmöglichen Spielräume. Aber nicht nur die sind von ständig neuen und rigideren Beschränkungen bedroht. Deren Durchsetzung wird dabei immer wahrscheinlicher, je weniger die werden, die es direkt betrifft. So gut Differenzierung und damit Vielfalt im Angebot für die Landwirtschaft ist, wenn es um die wirtschaftliche Ausrichtung geht, so schädlich kann sie werden, wenn es um die Vertretung ureigener Interessen geht. Vielfalt ist zwar die Grundlage dafür, um alle Ecken, alle Chancen und alle Risiken auszuleuchten. Sie muss aber einen Nenner finden, der für eine Stimme sorgt. Ansonsten lässt ein Zuviel oder gar ein Durcheinander an Stimmen die Politik weg- und auf die hören, die mit einer Zunge sprechen und die Landwirtschaft noch stärker beschneiden wollen. Diese Vielstimmigkeit zu orchestrieren, das ist dem Rheinischen Landwirtschafts-Verband über Jahrzehnte gelungen. Dafür beglückwünsche ich seine Mitglieder und wünsche ihnen, dass das weiterhin gelingt.


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