02.10.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 40/2019 - Unter Beobachtung

Marilena Kipp

Für viele ist Landwirtschaft nur ein Begriff, ein Wort für eine der wichtigsten deutschen Wirtschaftsbranchen. Doch Landwirtschaft ist mehr als das. Sie besteht aus über 250 000 Betrieben und noch mehr Landwirten. Individuen mit unterschiedlichen Ansichten und Meinungen, von der Gesellschaft gerade ziemlich genau beobachtet – umso wichtiger ist hier auch der richtige Umgang unterei­nan­der.

Landwirtschaft und Gesellschaft sind sich nicht immer grün. Bei allen Diskussionen und Angriffen hat man manchmal das Gefühl, dass die Verbindung zueinander immer brüchiger wird und man sich als Landwirtschaft regelrecht in einer Blase befindet. Diese überwindet man beispielsweise mit guter Öffentlichkeitsarbeit, ehrenamtlichem Engagement, einem Schulbesuch oder wenn man auch einfach nur mit einem Spaziergänger über die aktuelle Feldarbeit schnackt. Gute Beispiele dieser Art existieren und viele Landwirte stecken neben der täglichen Arbeit viel Mühe und Kraft in solche Projekte.

Doch man kommuniziert auch unterei­nan­der in seiner Blase, egal ob über WhatsApp, Facebookgruppen oder andere Kanäle. Und wenn man sich als Landwirt entscheidet, kein grünes Kreuz aufzustellen, weil man aus welchen Gründen auch immer dagegen ist – dann ist das völlig in Ordnung und kein Grund für einen Angriff. Das Beispiel mag willkürlich gewählt sein, ist aber tatsächlich so geschehen.

Ja – wir stecken manchmal in unserer Blase. Aber eins sollte uns bewusst sein: Diese Blase schützt nicht vor Blicken. Noch nie stand die Landwirtschaft so unter Beobachtung wie aktuell. Nie war es wichtiger, vereint als Branche aufzutreten, egal, ob man die eine oder andere Entscheidung jetzt super findet, mit demonstrieren möchte oder etwas dagegen hat. Bei jeder Aktion gibt es etwas, was dafür spricht und dagegen – allen recht machen kann man es nie. Doch was uns viel mehr beschäftigen sollte, sind diese Dinge: Agrarpaket, Insektenschutzprogramm, Düngeverordnung, Tierwohllabel – jede Woche finden Sie in der LZ Beispiele dafür, dass sich etwas ändert. Dass der Druck größer und der Ton rauer wird. Gleichzeitig gibt es in den Medien immer wieder neue Schreckensbilder aus dem Stall oder von Tiertransporten, die öffentliche Diskussionen anheizen. Darüber zu sprechen, dass Stalleinbrüche illegal sind, Bilder oft falsch dargestellt werden und die betroffenen Familien geschützt werden müssen? Keine Frage, da wird Ihnen jeder landwirtschaftsnahe Mensch sofort zustimmen. Ein Verbraucher aber wird sich beim Lesen vielleicht fragen: Schön und gut, das mag illegal sein, aber sind die Landwirte denn gar nicht geschockt von solchen Bildern? Von offenen Wunden bei Tieren und Nabelbrüchen? Wie kann so etwas passieren? Keine Öffentlichkeitsarbeit der Welt schafft es, solche Bilder wieder aus den Köpfen zu bekommen. Keine Demo wird für mehr Mitgefühl sorgen. Diese unterschiedlichen Blicke auf ein Thema sollten uns immer bewusst sein.

Wir verlieren uns manchmal so in Diskussionen, dass wir gar nicht mehr daran denken, wie diese dort draußen ankommen. Wie gepostete Sätze und Meinungen für einen Unbeteiligten aussehen. Und ein Teil davon ist nun mal öffentlich und schafft damit ein Bild, das wir eigentlich nicht haben wollen. Ein anderes Beispiel: Stellenweise liest man bei Facebook Kommentare, die in der aktuellen Situation Vergleiche mit Zeiten des Nationalsozialismus ziehen – solche Äußerungen sind unmöglich und werden nur eins bewirken: noch weniger Sympathie für die Landwirtschaft.

Das Agrarpaket hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Das visualisieren die grünen Kreuze oder auch Demonstrationen, gute Zeichen, die sagen: Hey, ihr fahrt die Landwirtschaft gerade vor die Wand! Doch jetzt folgen die nächsten Schritte. Neben Protest geht es jetzt um Perspektiven. Selber Lösungen anbieten, bestimmt auftreten, aber auch realistisch. Sich auf seine Stärken wie regionale Erzeugung beziehen, sich gut auf Presseanfragen vorbereiten – und gemeinsam auftreten. Als eine Branche und Einheit, die weiß, was sie will.


Neuerscheinung

LZ Rheinland Nr. 41/2019

Gartenbau Profi Nr. 09/2019

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 04/2019

Rheinlands Reiter+Pferde 10/2019