19.09.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 38/2018 - Kartoffelwelt im Krisenmodus

Christiane Närmann-Bockholt

Längst hat die braune Knolle der Zuckerrübe den Rang abgelaufen und ist zur Königin der Ackerkulturen avanciert. Jetzt macht sich die Königin einen schlanken Fuß und kommt mit einer historisch kleinen Ernte daher – mit welchen Folgen für die Branche?

Springe, der kleine Ort am Deister nahe Hannover, wurde in der letzten Woche zum Mekka der Kartoffelprofis. Alle vier Jahre findet hier auf dem Rittergut Bockerode die Freilandausstellung PotatoEurope statt – mit großer internationaler Besetzung. Mehr als 40 % der 239 Aussteller und gut 30 % der rund 10 000 Besucher waren aus dem Ausland angereist. Die Fachmesse bot allen einen guten Überblick über das Angebot an neuen Sorten sowie über technische Neuerungen rund um die Bodenbearbeitung, das Legen, Roden und Verladen von Kartoffeln.

Anders als noch vor vier Jahren war auf der diesjährigen Kartoffelschau wenig Euphorie zu spüren, eher verhalten zeigte sich die Stimmung unter Ausstellern und Besuchern. Der ex­trem trockene und heiße Sommer hat den Kartoffelbauern eine Saison mit zahlreichen Herausforderungen beschert. Beregnungsanlagen, die Tag und Nacht im Einsatz waren, haben einen immensen Mehraufwand an Zeit und Geld verursacht. Und wo keine Beregnungsmöglichkeiten bestehen, sind Ertragseinbußen von 50 % und mehr die Regel. Neben den Mindererträgen sind es die Qualitätsverluste, die die diesjährige Kartoffelernte kennzeichnen. Die Rodevorführungen in Bockerode gingen zum Teil in Staubwolken unter, der heftige Wind wirbelte den fruchtbaren Lößlehm auf und trug ihn weit durch die Luft. Die Experten wissen: Das Roden auf den ex­trem trockenen Böden birgt das Risiko zusätzlicher Beschädigung der Knollen. Also heißt es, noch einmal die Regenmaschine einsetzen und vorberegnen, um überhaupt einlagern zu können.

Wir erwarten eine der kleinsten Kartoffelernten, die wir jemals in Deutschland hatten. Diese Prognose war in Bockerode immer wieder zu hören. Betroffen sind nicht nur die Kartoffelbauern in Deutschland, auch die benachbarten Länder Niederlande, Belgien, Frankreich und Großbritannien – die zusammen mit Deutschland die BigFive im Kartoffelgeschäft darstellen – müssen mit erheblichen Mindererträgen kalkulieren. Von einer historisch kleinen Ernte war auch bereits auf dem Weuthen-Kartoffeltag Ende August die Rede. Wenn in Deutschland 2 Mio. t Rohstoff fehlen und im Gebiet der fünf BigPlayer sogar 6 bis 7 Mio. t weniger Rohstoff als im Durchschnitt der letzten Jahre zur Verfügung steht, wie reagiert die Branche? Die Frittenfabriken jenseits der Grenze haben in den letzten Jahren kräftig in ihre Verarbeitungskapazitäten investiert und sind auf den kontinuierlichen Rohstoffnachschub angewiesen, um weiterhin im weltweit wachsenden Geschäft mit den begehrten Fritten vorne dabei zu sein.

Jede Stufe muss ihre Maßnahmen treffen, Anbauer genauso wie Handel, Aufbereiter und Verarbeiter. Spannend bleibt, welche Mengen in welchem Qualitätszustand ins Lager kommen. Eine zuverlässige Einschätzung, wie es um die eingelagerten Mengen steht, wollen die Experten aber frühestens Mitte Oktober wagen. Ob die rheinischen Kartoffelprofis trotz der widrigen Wetterbedingungen weiter die Nase vorn behalten, das muss sich noch herausstellen. In jedem Fall sorgt das knappe Kartoffelangebot für eine feste Preisentwicklung. Allerdings gilt es für den Vertragsanbau noch eine Reihe offener Fragen zu klären, wenn die in Vorkontrakten vereinbarten Liefermengen nicht gewachsen sind und die Verträge damit nicht erfüllt werden können. Bleibt zu wünschen, dass hier alle – Erzeuger, Abnehmer und Verarbeiter – an einem Strang ziehen und eine Lösung finden, die die Zusammenarbeit auch in Zukunft weiter zulässt.

Eines gilt jedoch sicher: Analog zum bekannten Trainerspruch „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ heißt es auch in der Landwirtschaft „Nach der Ernte ist vor der Ernte“ und es ist angesagt, frühzeitig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dazu gehört wohl auch, im nächsten Jahr auf den Anbau früher Verarbeitungs- und Doppelnutzungssorten zu setzen, um die sich abzeichnende Rohstofflücke mit früher Ware füllen zu können.


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