11.09.2019

Kommentar LZ-Rheinland Nr. 36/2019 - Mut und Innovationsgeist gefragt

Kirsten Engel

Wachsen und spezialisieren, das war über viele Jahre hinweg das Konzept für landwirtschaftliche Betriebe, um das Überleben zu sichern. Immer schon gab es aber auch Landwirte, die für sich neue Einkommenskombinationen als Standbeine erschlossen haben. Und das durchaus erfolgreich. Diversifizierung bietet nach wie vor noch Möglichkeiten – auch für die Nachfolgegeneration –, ist aber kein Allheilmittel.

Wenn es darum geht, neue Betriebszweige als Einkommensquelle zu erschließen, mangelt es den Betriebsleiterfamilien, auch im Rheinland, nicht an Ideen. Das Marktpotenzial für die Höfe in unserem Bundesland ist groß und bei 18 Mio. Einwohnern und nur noch rund 33 000 landwirtschaftlichen Betrieben längst nicht ausgeschöpft. Im­ ­April dieses Jahres hat die Landwirtschaftskammer NRW die Wertschöpfung landwirtschaftlicher Betriebe mit Einkommenskombinationen ermittelt. 9 500 Höfe bieten in Nordrhein-Westfalen Produkte und Dienstleistungen in direktem Kontakt zum Endkunden an, von Direktvermarktung über Hofcafés bis hin zu Angeboten für Kindergärten oder Urlaub auf dem Bauernhof (siehe Berichte ab S. 36). Diese Betriebe erwirtschaften einen Bruttoumsatz von mehr als 1,2 Mrd. € und sichern etwa 22 000 Vollzeitarbeitsplätze. Die Diversifizierung ist also eine etablierte und überaus erfolgreiche Strategie der Zukunftssicherung.

Aber sie ist nicht für jeden Betrieb das Patentrezept. Um in diesem Bereich erfolgreich zu sein, sind unternehmerischer Weitblick, Mut und Innovationsgeist erforderlich. Eine gute Geschäftsidee alleine reicht nicht aus. Man muss der Typ dafür sein und dann auch noch ein Angebot bieten, das nachgefragt wird (siehe Interview S. 18). Die fachlichen und persönlichen Kompetenzen sind für den Erfolg genauso entscheidend wie die familiären Verhältnisse. Freie Kapazitäten im Betrieb und in der Familie gilt es vorher genau abzuklären, aber auch die persönlichen Vorlieben. Viele Betriebe leiden schon jetzt unter einer zu hohen Arbeitsbelastung – viele wünschen sich weniger Arbeit und nicht noch mehr. Ein neuer Betriebszweig bedeutet aber einen oft erheblichen zusätzlichen zeitlichen Mehraufwand. Unterschätzen sollte man auch nicht den Bereich Arbeitskräfte: Gutes Personal zu finden, das nicht am Kunden vorbeiguckt, und es zu halten, ist schwer. Und wer lieber für sich ist, den Mund nicht aufbekommt und keine Fremden auf dem Hof mag, der sollte es sich genau überlegen, ob ein Betriebszweig mit Kundenkontakt das Richtige für ihn ist.

Wer aber das „Service-Gen“ hat, über entsprechende Managementfähigkeiten verfügt und Trends erkennt, für den sind Betriebszweige im Landservice durchaus attraktiv. Und da ist es fast egal, welcher Betriebszweig gewählt wird, er wird in allem erfolgreich sein. Viele erfolgreiche Betriebe nehmen inzwischen einen weiteren Betriebszweig dazu, werden „Multidiversifizierer“. Die Gastro-Ecke im Hofladen ist so ein Beispiel für einen neuen Trend (siehe Bericht S. 42). Der Einkauf auf dem Bauernhof ersetzt für viele den Samstagsausflug: Tiere streicheln, Fachsimpeln übers Kochen und die Produktion erleben – das Ganze ist mit einem Mittagessen oder Kaffeetrinken noch schöner.

Meist sind es die Frauen auf den Höfen, die sich zuerst mit dem Thema Einkommensalternativen beschäftigen. Wenn es gut läuft, der neue Betriebszweig wächst und professioneller wird, arbeitet irgendwann die ganze Familie mit. Nicht selten wird dann die Feldarbeit an Nachbarn oder Lohnunternehmer vergeben, weil der Stundenlohn im Landservicebetrieb einfach besser ist. Diversifizierung bedeutet auch eine Stärkung des ländlichen Raumes. Landwirtschaft ist eben multifunktional, also nicht nur auf die Erzeugung von Lebensmitteln beschränkt.


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