28.08.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 35/2019 - Sehen und gesehen werden

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Wenn in den Hauptstädten der Republik das politische Geschäft fast ruht, gehen Politiker gerne auf Reisen. Sie wollen sehen, wie es um das Land und seine Bürger steht. Vergangene Woche war NRW-Agrar- und Umweltministerin Ursula Heinen-Esser unterwegs.

Wenn einer eine Reise tut, dann will er was erzählen. Denen, die er besucht. Und denen, zu denen er nach seiner Rundreise zurückkehrt. Sommertouren sind heutzutage so was wie ein Muss für Politiker. Diese Feststellung soll es nicht abwerten, wenn sich Volksvertreter auf den Weg machen, um sich draußen im Land umzusehen. Während der Sitzungswochen der Parlamente bleibt dazu meist wenig Zeit und es bieten sich kaum Gelegenheiten. Dagegen sind die Sommerwochen dafür geradezu ideal. Zufälligerweise treffen die auch mit den Zeiten zusammen, in denen die Medien sowieso wenig zu berichten haben. Wenn der Politikbetrieb in dieser Zeit, egal ob in Berlin oder in Düsseldorf, gerade mehrere Gänge heruntergeschaltet hat, fehlt es Journalisten an Futter. So stopfen Politik und Medien gemeinsam das Sommerloch. Eine Win-win-Situa­tion für beide.

Auch in diesem Jahr tourten Politikerinnen und Politiker aus Bund und Ländern durch die Lande. Zum Beispiel die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (siehe S. 11) und NRW-­Agrar- und Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (siehe S. 10). Heinen-Esser wollte auf ihrer Tour sicher nicht nur ­sehen und gesehen werden. Sie hatte auch eine Botschaft im Gepäck. Nämlich die, dass Nordrhein-Westfalen für die hiesigen Tierhalter Perspektiven schaffen will, mit Zielkonflikten und Ansprüchen der Gesellschaft zurechtzukommen. Sie sollen Verlässlichkeit bekommen und nicht schon wieder neue Darlehen aufnehmen müssen, bevor sie die alten Schulden abbezahlt haben, nur weil schon wieder neue Auflagen aus Tier- oder Umweltschutz zu erfüllen sind.

Dafür arbeitet das Düsseldorfer Ministerium gerade an einer Nutztierstrategie. Deren Ziele, wie etwa, dass Nutztierhaltung hierzulande akzeptiert und wettbewerbsfähig sein soll, können Tierhalter und ihre Interessenvertreter fast ohne Widerspruch unterschreiben. Doch außer Bekenntnissen ist bisher kaum etwas an Substanz an die Öffentlichkeit gedrungen. Die Ministerin verweist darauf, man wolle alles zuerst mit den Stakeholdern und Vertretern der davon Betroffenen besprechen. Dafür kann man Verständnis haben, dass die nicht überrascht, sondern mitgenommen werden sollen. Allerdings: Nach eineinhalb Jahren – so lange ist die ministerielle Arbeitsgruppe Nutztierstrategie schon installiert – wird es höchste Zeit für konkrete Marschpläne, denn nicht nur die Düngeverordnung sitzt den Tierhaltern im Nacken.

Heinen-Essers Sommertour war, so der Pressetext zu ihrer Ankündigung, dazu gedacht, dass sie sich „vor Ort exemplarisch über positive Beispiele der zukunftsfähigen Nutztierhaltung“ informiert. Zumindest auf den beiden rheinischen Praxisbetrieben wurde allerdings deutlich, dass wesentliche Dreh- und Angelpunkte, um der Tierhaltung in Nordrhein-Westfalen Perspektiven zu verschaffen, zuvorderst weniger in Düsseldorf, sondern andernorts zu verhandeln sind, nämlich in Berlin und in Brüssel. Heinen-Esser kann trotzdem aus solchen Sommertouren Honig saugen. Schließlich liefern ihr solche Reisen handfeste Beispiele und Belege dafür, dass Landwirtschaft, zumal mit Tierhaltung, auch in einem besonders dicht besiedelten Raum funktionieren kann. Die braucht sie auch, um sie in die eigenen Reihen (im eigenen Haus) sowie die politischen Ebenen in Bund und EU zu tragen.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Denen, die Probleme lösen sollen. Daheimgebliebenen Mitarbeitern zum Beispiel, denen manchmal die Praxis nicht so vertraut ist. Aber auch Kolleginnen und Kollegen mit geringer Bodenhaftung im Bund und in Brüssel. Reisen bildet die jedoch weniger als die, die selbst gereist sind. Noch mehr bildet die Reisenden, selbst einmal anzupacken. So schickt der Fast-Food-Konzern McDonalds jährlich am 5. Oktober seine Führungskräfte zum Gedenken an den Firmengründer Ray Kroc in die Restaurants. Dort heißt es für sie anpacken, zum Beispiel am Grill, an der Theke oder beim Putzen. Die Idee: Die, die die Geschicke des Konzerns lenken sollen, sollen aus erster Hand mitbekommen, was die bewegt, von denen diese Geschicke abhängen. Sie sollen hautnah erfahren, was die Kunden wollen, um zurück im Management Lösungen zu finden, die den Kunden schmecken und dem Konzern so mehr an Akzeptanz und mehr an Umsatz bescheren. Ein Praxistag in Sachen Landwirtschaft brächte zudem bestimmt die spannenderen Bilder für den mitreisenden Medientross – übrigens auch aus Ackerbaubetrieben.


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