07.08.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 32/2019 - Wer hat hier die Ahnung?

Marilena Kipp

Wenn ich Schmerzen habe, frage ich einen Arzt um Rat. Wenn ich mit meiner Steuer überfordert bin, frage ich einen Steuerberater. Wenn mein Trecker kaputt ist, frage ich einen Mechaniker. Wenn ich die deutsche Landwirtschaft verändern möchte, frage ich einen … ja, wen denn nun?

Bleiben wir bei einer logischen Vorgehensweise müsste die Antwort hier ganz klar „Landwirt“ heißen. Will ich in der Praxis etwas verändern, dann sollte ich auch einen Praktiker um Rat fragen. Denn er ist derjenige, der es später umsetzen muss. Der mit Problemen leben muss, die daraus entstehen können, dass jemand mit nicht ganz so viel Ahnung über das Thema entschieden hat.

Beste Beispiele hierfür sind die aktuellen Diskussionen über ein mögliches Volksbegehren zum Thema Artenvielfalt in Baden-Württemberg oder die Bürgerinitative „Save bees and farmers – Bienen und Bauern retten!“ (siehe S. 12). Auch hier geht es unter anderem um den Schutz von Streuobstwiesen. Und das, obwohl man nun gesehen hat, was diese Forderung in Bayern bewirkt hat. Landwirte, die ihre Streuobstbäume lieber fällen, bevor die Wiesen, auf denen sie stehen, zum Biotop erklärt werden, Bewirtschaftungsauflagen mit Fällverbot inklusive. Flächen und Bäume werden der Obhut der Landwirte entzogen und mit am grünen Tisch geplanten Auflagen überzogen. So stellen „Umweltschützer“ eine Liste mit Forderungen auf, ohne zu hinterfragen, was Bauernfamilien seit Generationen unternommen haben, um diese Streuobstwiesen zu erhalten und zu pflegen. Dass solche Fehler jetzt noch mal gemacht werden, lässt einen am gesunden Menschenverstand zweifeln.

Für Otto Normalverbraucher klingen die Forderungen natürlich toll. Ja, Streuobstbäume sollte man schützen und nicht fällen. Oder 50 % Ökolandbau, das ist bestimmt gut für die Umwelt! Wer stellt denn solche Forderungen auf? Und wer bedenkt, dass der Wunsch nach mehr Biobauern auf den Höfen auch ein Mehr an Biokäufern in den Lebensmittelläden braucht? Man könnte meinen, dass dies irgendwo zwischen Tür und Angel überlegt wird, möglichst weit entfernt vom nächsten Landwirt oder Agraringenieur. Aber das ist ein Riesenfehler.

Vergangene Woche geisterte die Nachricht durch die Medien, dass Ministerin Klöckner sich seit Beginn ihrer Amtszeit zu viel mit der Industrie treffen würde (siehe S. 9). Die grüne Bundestagsfraktion hatte hierzu eine Anfrage gestellt. Und ganze drei Mal traf sie sich mit dem Deutschen Bauernverband, dafür nur fünf Mal mit Ökoverbänden! Ein Unding, meint die Agrarwendefraktion. Gut, ob man jetzt unbedingt ein Video mit dem Nestlé-Chef ins Internet stellen muss – darüber lässt sich tatsächlich streiten. Aber sich angesichts riesiger die Landwirtschaft betreffender Veränderungen nicht mit der Mehrheit der Praktiker, vertreten durch einen Verband, zu beraten – das wäre ein Fehler!

Die deutsche Landwirtschaft steht vor Herausforderungen und ja, es gibt Dinge, die angepackt werden müssen. Das geht aber nur, wenn man alle anhört und Kompromisse schafft. Dass das geht, sieht man hierzulande. Um mal bei den Bäumen zu bleiben: Im Rheinland gibt es eine Streuobstwiesenvereinbarung zwischen Politik, Landwirtschafts- und Naturschutzverbänden. Ursprünglich geplant war im Entwurf des Landesnaturschutzgesetzes eine ordnungsrechtliche Unterschutzstellung der Streuobstbestände. Hallo Bayern! Die NRW-Kooperation ist entstanden, weil auch Praktiker mitbestimmt haben. So profitieren beide Seiten. Also ja, es ist wichtig, dass sich auch Ministerinnen mit Praktikern treffen. Aus allen Bereichen. Es ist wichtig, dass man alle anhört und vor allem brauchen die politischen Entscheidungen eine große Portion Praxis. Doch statt Anfragen über den Terminplan der Ministerin zu stellen, sollte man seine Energie vielleicht lieber in das Austüfteln von sinnvollen Ideen stecken und mit denen reden, die schließlich für die Realisierung verantwortlich sind. Die baden-württembergischen Streuobstbäume werden es einem danken. Und die Praktiker erst recht.


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