09.08.2017

Kommentar LZ Rheinland Nr. 32/2017 - Entwicklungspolitik gestalten

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat jetzt den Agrarexportbericht vorgelegt. Damit möchte die Politik auch den pauschalen Vorwürfen entgegenwirken, dass Agrarexporte in wenig entwickelte Länder gefördert würden und die europäische Überproduktion schuld am Hunger in den Entwicklungsländern sei. Was hilft wirklich?

Andrea Bahrenberg

Genauso wie deutsche Maschinen sind auch hochwertige deutsche Nahrungsmittel und Agrarprodukte weltweit gefragt. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium konzentriert sich die Exportförderung auf die Erschließung neuer Absatzmärkte und die Beseitigung von Handelsschranken. Zielmärkte seien kaufkräftige Mittelschichten in aufstrebenden Ländern. Vielmehr muss doch die Frage gestellt werden, ob die Entwicklungspolitik heute noch aktuell ist oder ob sie neue Wege gehen sollte. Die Entwicklungspolitik hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Auf den Anschuldigungen an den hiesigen Bauer, er sei mit seiner Überproduktion schuld am Hunger in den Entwicklungsländern, beharren immer noch einige Organisationen, die sich pauschal gegen die „Agrarindustrie“ wenden. Aber seien wir ehrlich: Dabei bleibt es meistens und man kommt keinen Schritt weiter. Was würde den Entwicklungsländern aber wirklich helfen?

Eine Leuchtturmfigur hat hier Gerd Sonnleitner als DBV-Präsident eingenommen. Er kritisierte schon vor sechs Jahren, dass etwas in der Entwicklungspolitik nicht stimmen könne, wenn 80 % der Hungernden Bauern sind. Lange habe man sich in der Entwicklungspolitik auf ein paar Tonnen Milchpulver aus Europa, die nach Afrika, Asien, in Teile Mittel- und Südamerikas gelangten, konzentriert, anstatt sich mit den wirklichen Problemen, der Förderung der regionalen Landwirtschaft und der ländlichen Räume in den Entwicklungsländern zu beschäftigen. Zuerst müssten immer die politischen Verhältnisse verbessert, geordnet und so demokratisch wie möglich werden. So grundlegende Dinge, wie geklärte Eigentumsrechte, sind die Basis für eine funktionierende Landwirtschaft. Zugang zu den Produktionsfaktoren Boden, Wasser und Kapital müssen geregelt sein. Immer noch ist es möglich, dass Unternehmen den Kleinbauern einfach Land wegnehmen können. Wie kann das sein? Hier müssen das Eigentum und langfristige Pachtverträge geachtet werden. Dazu muss die Regierung vor Ort aber erst einmal anerkennen, dass es so etwas gibt, und diese Rechte vergeben. Wie soll ein Landwirt ohne diese verlässlichen Zusagen etwas aufbauen? Eine gute, verantwortungsvoll und unabhängig handelnde Regierung, sogenannte good governance, ist Grundvoraussetzung. Daran geht nichts vorbei! Also, liebe Politik, bitte zuerst dafür einsetzen und dann erst auf Butterberge und Milchseen schimpfen.

Was in Europa völlig normal ist, fehlt in den Entwicklungsländern noch nahezu komplett: Landwirtschaftliche Interessen- und Berufsvertretungen werden jetzt erst aufgebaut. Solche Organisationen sind das Sprachrohr und der Anwalt der Bauern vor Ort. Sie helfen den Landwirten, ihre Rechte wahrzunehmen, Fachwissen und Erfahrungen auszutauschen. Zu diesen notwendigen Strukturen gehören neben der Interessenvertretung gegenüber der Politik auch Organisationen zur Vermarktung der Produkte, wie Erzeugergemeinschaften und Maschinenringe. In diesem Jahr hat die Bundesregierung genau das zu einem der Schwerpunktthemen in der Entwicklungshilfe gemacht: Mobilisierung bäuerlicher Selbsthilfe und wirtschaftliche Kooperationen. Gut so!

Unerlässlich ist genauso eine funktionierende Infrastruktur. Das fängt bei Wegenetzen an und hört bei Lagermöglichkeiten auf. Wer seine Lebensmittel immer dann verkaufen muss, wenn sie geerntet werden, sitzt in der Bredouille von Angebot und Nachfrage. Die Ware ist dann in großen Mengen vorhanden und die Landwirte in den Entwicklungsländern müssen sie auf der Stelle verkaufen, da sie weder Lager- noch Transportmöglichkeiten haben.

Einige Forderungen aus der europäischen Bauernvertretung gehen möglicherweise zu weit. Muss man wirklich europäische Anbaumethoden in den Entwicklungsländern anwenden? Muss man Pflanzenschutz, Dünger und Saatgut von hier dorthin bringen oder reicht nicht das regionale Saatgut aus, das vielleicht sogar besser auf die Witterungsverhältnisse vor Ort reagieren kann? Hier ist oft gefährliches Halbwissen verbreitet und es gilt, dies neutral und sachlich zu erforschen. Bei diesen Fragen muss man weg von der Ideologie, hin zu guten und intelligenten Lösungen. Genauso wichtig ist es, sie gemeinsam mit den Bauern vor Ort zu erarbeiten und zu beschließen. Denn wer möchte schon Lösungen, und seien sie noch so superintelligent, übergestülpt bekommen? Dann würde es den afrikanischen Bauern nicht anders gehen als den deutschen aktuell in vielen Bereichen, sei es Tierwohl, Natur- oder Umweltschutz, in denen leider noch zu oft über die Bauern anstatt mit ihnen geredet wird. Wandel durch Kooperationen lautet hier das Stichwort!

Um die Armut und den Hunger zu bekämpfen, bleibt es oberstes Ziel, die Bauern vor Ort in den Entwicklungsländern zu stärken und ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, Landwirtschaft unter zuverlässigen Bedingungen betreiben zu können.


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