15.07.2020

Kommentar LZ Rheinland Nr. 29/2020 - Wenn du nicht mehr weiter weißt ...

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

... gründe einen Arbeitskreis. Oder eine Kommission. Der Eindruck drängt sich auf, nachdem jetzt die Mitglieder der Zukunftskommission Landwirtschaft benannt sind. Diese hatte Kanzlerin Angela Merkel beim Landwirtschaftsdialog angeregt. Die Besetzungsliste wartet mit einer Ausnahme mit bekannten Gesichtern auf.

Ich persönlich hoffe, dass Prof. Dr. Peter Strohschneider nicht schon vor der ersten Sitzung der Zukunftskommission Landwirtschaft die Lust auf sein neues Amt vergeht. Verständlich wäre es angesichts der plumpen Frotzeleien mancher Zeitgenossen zu dieser überraschenden Personalie, wonach das Einzige, was ihn mit der Landwirtschaft verbinde, sein Name sei. Strohschneider ist als Vorsitzender dieses 32-köpfigen Gremiums wohl auch der Einzige, der sich in den vergangenen Jahren oder gar Jahrzehnten eben nicht ausgiebig dazu geäußert hat, wie es mit der Landwirtschaft hierzulande weitergehen sollte oder müsste. Alle anderen schon. Man kennt sie aus den Interessenvertretungen von Landwirtschaft. Umwelt- und Tierschutz oder Verbraucherschutz, Agribusiness und Lebensmittelwirtschaft und der agrarorientierten Forschung. Allesamt Persönlichkeiten, die berufsmäßig mit der Landwirtschaft, ihren Erzeugnissen und ihren Auswirkungen zu tun haben. Von daher ist zu befürchten, dass die Mitglieder dieses Gremiums nun bereits zur Genüge bekannte Posi­tionspapiere aus den Aktenkoffern ziehen und da­rauf beharren, dass der von ihnen skizzierte Weg der einzig wahre sei.

Hätte aber einer von ihnen den einen Vorschlag, den alle anderen nachvollziehen und unterstützen könnten, bräuchte es diese Runde nicht. Dann wäre es im Herbst des Vorjahres erst gar nicht zu den Schlepperkorsos und Demonstrationen in ganz Deutschland gekommen. Dann hätten die Bäuerinnen und Bauern damit gar nicht erst zum Ausdruck bringen müssen, wie leid sie es sind, für alles und jedes verantwortlich gemacht zu werden und dabei noch nicht einmal wirtschaftliche Sicherheit und Verlässlichkeit für ihre Zukunftsplanungen zu bekommen. Genau für diese Erwartungen hatte dann im Dezember Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Landwirtschaftsdialog Verständnis gezeigt und zugesagt, mit den Betroffenen neue Wege finden zu wollen, die der Landwirtschaft eine Zukunft und Berechenbarkeit geben. „Sie sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft“, hatte sie damals den Landwirtinnen und Landwirten versichert. Die Zusage soll die Zukunftskommission nun einlösen.

Ob sie dies schafft, hängt maßgeblich davon ab, wie sehr die Gremiumsmitglieder bereit sind, doch von verfestigten Posi­tionen abzuweichen. In der Vergangenheit sind sie in verschiedensten Konstellationen aufei­nan­dergetroffen. Bewegt hat sich danach nie viel. Allerdings: Auch gegenüber der Borchert-Kommission zur Zukunft der Nutztierhaltung gab es erst mächtige Vorbehalte, ob am Ende Konstruktives und Leistbares he­rauskommt. Heute sehen die gemäßigten Vertreter auf der Seite des Tierschutzes und auf der Seite der landwirtschaftlichen Erzeuger in deren Vorschlägen ernsthaft zu diskutierende Ansätze. So weit müsste es auch die Zukunftskommission bringen – mindestens, denn sie sollte eine viel größere Tragweite haben, weil es hier eben nicht nur um die Tierhaltung geht, sondern zum Beispiel auch um den Ackerbau, die Vermarktung, den Artenschutz oder die Frage nach der sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe der Landwirtschaft. Eigentlich eine Mammutaufgabe, die schon gar nicht bis zum Herbst zu stemmen ist. Dann nämlich will sich Merkel erste Ergebnisse präsentieren lassen. Aber dann läuft schon allmählich die Wahlkampfmaschinerie für die Bundestagswahl 2021 an und die Belange der Landwirte und Landwirtinnen drohen ins hinterste Glied zu rücken.

Das alles dämpft gehörig die Hoffnung, dass der Zukunftskommission Landwirtschaft der große Wurf glückt. Andererseits ist sie vielleicht die letzte große Chance für einen breiten Konsens darüber, was die Gesellschaft von der Landwirtschaft verlangt und was sie bereit ist, ihr dafür zu geben. Sich einer konstruktiven Mitarbeit zu verschließen, wäre für die Vertreter der Landwirtschaft und deren Glaubwürdigkeit genauso fatal wie für die aus dem Tier-, Umwelt- oder Verbraucherschutz. Strohschneider mag keine fundierten Fachkenntnisse der Landwirtschaft haben. Als Historiker weiß er aber darum, was immer dann passiert ist, wenn dem Nährstand die Möglichkeit zur Entfaltung genommen wurde. Meist war Hunger die Folge oder die Gesellschaft wurde in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung gebremst. Dass sich Geschichte wiederholt, kann auch heute niemand wollen. Daher ist ein Historiker an der Spitze der Zukunftskommission sicher eine ungewöhnliche, aber vielleicht gerade deshalb genau die richtige Wahl.


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