18.07.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 29/2019 - Der schlechte Beifahrer

Marilena Kipp

Jeder von uns hat manchmal Angst. Es gibt immer Situationen, die einen he­rausfordern, nervös machen oder schlecht schlafen lassen. Es gibt aber auch die Angst oder Sorge vor etwas Unbekanntem. Weil man nicht die Kontrolle darüber hat, was passiert, sondern vertrauen muss. Man wird vom Fahrer zum Beifahrer und ist untätig angesichts möglicher Gefahren. Dieses Muster findet sich auch zwischen Landwirten und Verbrauchern wieder.

In welchem Bereich genau? Zum Beispiel beim Pflanzenschutzmitteleinsatz und bei dem Dauerbrenner Glyphosat. Das Beispiel des schlechten Beifahrers von Prof. Dr. Weber (siehe Interview S. 18) passt hierbei perfekt. Der Verbraucher hat im Alltag nichts mit Glyphosat am Hut, wird höchstens mit negativen Schlagzeilen konfrontiert, die ihn im Fernsehen, in sozialen Medien oder an Zeitungsständen quasi anspringen. Eine dubiose Chemikalie, verkauft von riesigen Großkonzernen und versprüht in gentechnisch veränderten Pflanzen? Vielleicht krebserregend? Hallo Angst!

Der Verbraucher muss trotzdem den Landwirt ans Steuer lassen, denn schließlich möchte er ja gerne Lebensmittel haben. Damit einhergehend muss er Landwirt XY, den er nicht mal persönlich kennt, völlig vertrauen, dass dieser weiß, was er da tut, und ihn nicht wissentlich vergiftet und nur Profit im Kopf hat.

Und genau dieser Kontrollverlust, der von angstmachenden Schlagzeilen gefüttert wird, ist ein Riesenpro­blem. Dabei gibt es Unmengen an Studien über das Mittel, im Prinzip müssten einem alle wissenschaftlichen Ergebnisse einflüstern: Es ist o.k., du kannst ihm vertrauen. Schließlich wird Glyphosat selbst von der WHO (zur Erinnerung: die sagt, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist) als genauso gefährlich eingestuft wie Rindfleisch und sogar ungefährlicher als Alkohol und Salami. Trotzdem essen ja zumindest die meisten auch ganz gerne mal ein Steak oder genießen ihr Feierabendbier. Von Radfahren ohne Helm, Abenteuersport oder Rauchen fange ich gar nicht erst an. Hier hat man sein Schicksal aber nun mal selbst in der Hand, anders als beim Beispiel Glyphosat.

Dass das Mittel hier bei uns vor der Aussaat verwendet wird und das auch nicht wie oft befürchtet in rauen Mengen? Und dass man es auch nicht einsetzt, um Schädlinge loszuwerden? Oder dass AMPA, eines der Hauptabbauprodukte von Glyphosat, auch beim Abbau von Phosphonaten in Waschmitteln entsteht? – Argumente und Diskussionsansätze, die so manche Angst entkräften könnten, mit denen man sich aber meistens den Mund fusselig redet.

Von den rationalen Ergebnissen und Einschätzungen der Wissenschaft zu Halbwertszeit und Co. liest man leider nicht so oft etwas. Stattdessen nutzen gewisse Organisationen das Thema für sich und schüren Ängste und Sorgen. Das klappt auch ganz gut, denn schließlich haben uns Beispiele wie Asbest oder der Contergan-Skandal gezeigt, dass es manchmal auch schiefgehen kann, jemand anders ans Steuer zu lassen.

Wie kann man dagegen angehen? Wir leben im Jahr 2019. Die Stimme der Wissenschaft muss wieder lauter werden und gehört werden, auch von den Medien. Denn ansonsten fahren wir das Auto irgendwann gemeinsam an die Wand. Egal ob konventionelle Bewirtschaftung oder ökologisch – es ist wichtig, mühsam erarbeitete und wertvolle Forschungsergebnisse anzuhören und sich nicht allzu sehr auf reißerische Schlagzeilen zu stützen. Das ist der Kampf um den Platz am Steuer nicht wert.


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