18.07.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 29/2018 - Alles eine Frage der Einstellung?

Landwirte und ihre Familien hätten oft allen Grund zum Grübeln. Jetzt, während der Ernte, fehlt meist die Zeit dazu, lange und nüchtern Probleme zu analysieren. Das ist auch gut so, denn es gibt dringlichere Dinge zu erledigen. Die machen manchmal auch den Kopf frei und sorgen für einen anderen Blick auf die eigene Arbeit.

Von, mit oder für die Landwirtschaft zu leben, das macht den Unterschied. Detlef Steinert

Von der Landwirtschaft zu leben, war noch nie leicht; und es ist auch nicht zu erwarten, dass es jemals ganz einfach sein wird. Tendenziell niedrige Erzeugerpreise zwingen dazu, immer mehr zu machen, damit das eigene Einkommen einigermaßen mit der Inflation Schritt hält. Das bedeutet dann: wachsen oder neue Betriebszweige dazuzunehmen. Das zieht wiede­rum einen Schwanz an anderen Verpflichtungen und Risiken nach sich. Mehr Arbeit zum Beispiel, was meist bedeutet, entweder sich selbst mehr aufzuladen oder entsprechendes Personal anheuern zu müssen. Doch wo gibt es das? Mehr machen bedeutet meist auch mehr investieren. Dazu braucht es Kapital. Das gibt es nicht umsonst. Und auch die Fläche, so denn welche überhaupt zu bekommen ist, ist nicht für ʼn Appel und ʼn Ei zu haben. Schon fühlt man sich in einem Teufelskreis gefangen, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Ich bin mir sicher, angesprochen auf ihre augenblickliche betriebliche Herausforderung, würde bei den meisten die Beschreibung ähnlich ausfallen; vielleicht mit abweichender Betonung, aber unter dem Strich mit ein und derselben Feststellung: „Wenn die Preise besser wären, wäre alles besser.“ Allerdings: Den Satz höre ich seit Beginn der 1990er-Jahre immer wieder, als ich angefangen habe, als Agrarjournalist zu arbeiten. Was ich seither auch immer wieder höre, ist, dass der Familienbetrieb ein Auslaufmodell sei. Fast eine Generation später sind die Betriebe zwar weniger geworden (von den Betrieben, die es noch 1991 im Rheinland gegeben hat, existierten 2016 noch etwas mehr als die Hälfte), aber sie sind auch gewachsen und haben im Rheinland in gleicher Zeit ihre Nutzfläche auf nunmehr knapp 50 ha verdoppelt. Die verbliebenen Betriebe werden allerdings zu weit über 90 % von Familien und in mehr als zwei Drittel der Fälle im Haupterwerb geführt. Nimmt man die Preise hinzu, die seither in allen Sektoren Talfahrten, aber auch Höhenflüge mitgemacht haben, aber im Schnitt nie ausreichend waren, dann sind diese Zahlen ein Maß der Stärke der hiesigen Landwirtschaft. Sie sind gleichzeitig aber auch ein Ausdruck dafür, dass es nicht allein Kosteneffekte und damit die Größe des Betriebes sind, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Neu ist das nicht. Betriebsvergleiche und Arbeitskreise führen einem immer wieder eindrucksvoll vor Augen, wie eklatant die Ergebnisse zwischen dem abfallenden, dem mittleren und dem oberen Drittel vonei­nan­der abweichen können, auch bei sonst gleichen Voraussetzungen. Wie Letztere genutzt werden, ist in meinen Augen das, wovon Wohl und Wehe oder das Fortbestehen eines Betriebes abhängen. Sind die Voraussetzungen auf dem Papier vergleichbar, dann sind es die Menschen hinter diesen Zahlen in aller Regel nicht. In ihnen zeigt sich, wer nur von dem, wer mit dem oder wer für den Betrieb lebt.

Mit dem oder für den Betrieb zu leben, ist dabei nicht gleichbedeutend damit, alles andere dafür dranzugeben und sich für diesen aufzuarbeiten. Der Unterschied liegt in der Motivation. Und im Spaß, den man auch angesichts eines Arbeitstages, der schnell mal 18 Stunden haben kann, aus seiner Arbeit zieht und ziehen darf. Wer etwas gerne macht und dafür brennt, nimmt Anstrengungen lieber auf sich, durchsteht Durststrecken leichter und ist kreativer darin, Probleme zu lösen. Andere müssen nach dem Büro vielleicht 10 km joggen oder mit dem Rennrad 100 km abreißen, um den Kopf freizubekommen, Abstand von alltäglichen Herausforderungen und neue Lösungen für alte Probleme zu finden. Ich kenne kaum einen Landwirt, dem es nicht genauso geht, wenn er Stunde um Stunde mit 200 PS unter dem Sitz und der Scheibenegge hinten dran Stoppeln stürzt. Damit ändern sich nicht die Welt oder die Erzeugerpreise, aber der Blick darauf  und die Ideen, wie man sich ihnen stellen kann. Und das braucht man auch mal, wenn um einen herum alles immer schwieriger zu werden scheint.


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