14.07.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 28/2021 - Dürfen wir das?

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Übergeben und vergessen. Dieses Schicksal darf den Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft sicher nicht ereilen. Denn einerseits haben sich viele gesellschaftliche Gruppen dazu bekannt. Zum anderen gibt es noch etliche Lücken für ein tragfähiges Fundament zur Verwirklichung seiner Ziele. Und manches Ziel findet auch nur als Randnotiz statt, obwohl es essenziell ist.

Wenn die ersten Mähdrescher aufs Feld fahren, denken die wenigsten an Erntedank. Allenfalls der bange Blick zum Himmel erinnert einen daran, dass Fleiß und eine gute Ausbildung allein nicht ausreichen, um eine gute Ernte sicher einzufahren. Ob es dafür noch eine höhere Macht braucht, hängt vom persönlichen Glauben ab. Ob die Ernte für ihre Erzeuger auskömmlich ist, hängt dann wiederum von vielen weiteren Faktoren ab. Zum Beispiel davon, was in anderen Erdteilen passiert, ob es dort Überschwemmungen oder Trockenheiten gibt. Aber auch davon, auf welche Feldfrüchte Landwirtinnen und Landwirte anderswo setzen. Eine Rolle dabei, wie viel den Märkten die Mühen der Landwirtinnen und Landwirte letztlich wert sind, spielt auch, was den politischen Kräften so alles einfällt. Bei den Getreidepreisen können die Erzeuger derzeit jedenfalls hoffen.

Aber steigende Preise und damit eine bessere Entlohnung für die Produzenten haben auch ihre Schattenseite. So warnen schont seit einigen Wochen die Experten der Welternährungsorganisation FAO davor, dass Grundnahrungsmittel teurer werden und damit immer weniger erschwinglich für die Ärmsten dieser Welt. Laut FAO hungern weltweit aktuell 811 Mio. Menschen. Das sind immer noch 811 Mio. zu viel!

Diesen Zustand zu beenden, dafür muss an vielen Hebeln Hand angelegt werden. Kriege, Misswirtschaft und Korruption müssen in den betroffenen Ländern gestoppt werden, aber auch der Lebensmittelverschwendung in wohlhabenden Ländern gilt es Einhalt zu gebieten. In den Hintergrund rücken darf keinesfalls ein Instrument, das nicht nur wichtig, sondern auch unverzichtbar ist im Kampf gegen den Hunger: eine leistungsfähige Landwirtschaft, die den Fortschritt nutzt, um immer weniger Menschen mit immer geringerem Mitteleinsatz zu ernähren. Heute leidet nur noch jeder sechste Bewohner der Erde unter Hunger, vor 30 Jahren war es noch jeder dritte. Diese Entwicklung ist auch Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft zu verdanken. Ohne sie würde der Hunger in dem Maße zunehmen, wie die Weltbevölkerung wächst. Um die Herausforderung einmal zu verdeutlichen: Schätzungen gehen davon aus, dass ein Landwirt Mitte dieses Jahrhunderts einmal bis zu 1 000 Menschen ernähren muss. Kann es sich ein Land wie unseres also leisten, das Thema Ernährungssicherung immer weiter mehr zu verdrängen? Dieser Eindruck beschleicht einen unwillkürlich, wenn man den vergangene Woche veröffentlichten Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft studiert. Die dort formulierten Ansätze sollen für ein besseres Mitei­nan­der von Landwirtschaft und übriger Gesellschaft sorgen; und sie werden womöglich auch die Differenzen der Vergangenheit befrieden. Aber werden sie auch einen maßgeblichen Anspruch erfüllen, den die Adressatin des Berichts, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, bei seiner Entgegennahme sogar selbst fomuliert hat? Nämlich, dass „Landwirtschaft unverzichtbar ist, um unsere Ernährung zu gewährleisten, natürlich gerade auch mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung“. und dass Ernährungssicherung „ohne leistungsfähige Landwirtschaft auch nicht denkbar“ ist.

Um es unmissverständlich zu sagen: es geht nicht darum, dass Deutschland die Welt ernähren soll. Aber solange Menschen auf dieser Welt hungern, ist es ethisch nicht zu verantworten, dass jegliches Potenzial zur Sicherung der Welternährung ungenutzt bleibt. Dazu gehört nun einmal auch, fruchtbare Flächen in unseren Breiten weiterhin verantwortungsvoll zu nutzen, statt immer mehr für andere Zwecke umzuwidmen. Denn selbst bei Effizienzfortschritten in den Ländern des Hungers wird die weltweite Nutzfläche in Summe nicht mehr, sondern weniger, weil auch dort die Wirtschaft den Flächenverbrauch antreibt.

Macht man sich die Zahlen bewusst, kann man Hunger durchaus als Pandemie bezeichnen. Vermutlich hat er weltweit sogar mehr Menschen dahingerafft als die aktuelle Covid-Pandemie und alle anderen Seuchenzüge der Geschichte zusammen. Ich verstehe daher nicht, warum dieser Aspekt, auch im Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft, zunehmend aus dem Blick gerät. Kanzlerin Merkel hat selbst auf die Bedeutung der Ernährungssicherung hingewiesen. Wahrgenommen wurde das bislang allenfalls als Randnotiz. Ich bezweifle, dass sich das bis zum diesjährigen Erntedanktag – eine Woche nach der Bundestagswahl – ändert.


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