12.07.2017

Kommentar LZ Rheinland Nr. 28/2017 - Landwirtschaft lieben - Berufung oder Beruf?

Kaum ein Beruf bestimmt das eigene Leben so sehr wie der Beruf Landwirt. Und nicht umsonst fallen in diesem Zusammenhang oft die Begriffe „Leidenschaft“ oder „Arbeiten 24/7“. „Überstunden“ oder „Langeweile“ kriegt man dafür nicht so oft zu hören. Was ist es, was die Menschen in der Landwirtschaft antreibt? Und wie schafft man es, diese Leidenschaft an Menschen weiterzugeben, die davon so gar nichts wissen?

Ein Beruf, hinter dem man voll steht und den man lebt – das darf man ruhig auch mal sagen! Und zwar mit Selbstbewusstsein! Marilena Kipp

„Mhhh…schwierige Frage!“ Das ist meistens die erste Antwort auf die subtile Frage: Was liebst du als Landwirt eigentlich an deinem Job? Doch dann kommen die Antworten schnell. Und zeigen, dass Landwirt-sein wohl doch eher eine Berufung als ein Beruf ist. „Der Geruch von frisch gemähtem Gras“, „die Arbeit mit den Tieren“, „dem Getreide beim Wachsen zuzuschauen“, „das Gefühl, etwas Wichtiges und Sinnvolles zu tun“ oder „dass ich mein eigener Chef bin“ lauten die Antworten. Mein Favorit: „Arbeiten auf dem Feld mit dem Trecker ist besser als Meditation“.

Ob man sich auch einen anderen Job oder gar eine Tätigkeit hinter dem Schreibtisch vorstellen könne? 40-Stunden-Woche? 30 Tage Urlaub? „Auf keinen Fall“ – so der allgemeine Tenor. Diese Leidenschaft und absolute Sicherheit ist bewundernswert. Und gleichzeitig auch etwas, um das Landwirte sicher von so manchem unglücklichen Berufstätigen, der sich morgens mit Schlips und Kragen, wachgehalten von einem Kaffee, durch volle Straßen zur Arbeit schleppt, beneidet werden. Burnout, Boreout, Sabbat-Jahr? Fehlanzeige.

Doch so groß die Unterschiede zwischen verschiedenen Berufen und damit verbundenen Lebensstilen sind, so groß ist leider oft auch die Entfernung zwischen Landwirt und Verbraucher. Dass Landwirte Dinge produzieren, die wir nun mal alle brauchen und ihre Werkstatt sozusagen im Freien liegt und für jeden zugänglich ist – sorgt für Konfliktpotenzial. Die eigentliche Arbeit für die Gesellschaft wird also manchmal auch zum Nachteil. Denn jeder möchte darüber entscheiden, was er isst und wie es produziert wurde. Doch dass hinter der modernen Landwirtschaft Menschen stecken, die ihre Arbeit lieben und wissen was sie tun, gerät dabei in Vergessenheit. Das Vertrauen fehlt.

Höchste Zeit, daran etwas zu ändern. Doch wie? Oft heißt es „Die Bauern jammern wieder“. In der Tat gibt es nun mal auch Einiges, worüber man schimpfen kann. Doch mindestens genau so viel Energie muss jeder Einzelne in das Positive stecken. Ein Beruf, hinter dem man voll steht und den man lebt – das darf man ruhig auch mal sagen! Und zwar mit Selbstbewusstsein! Ja, es gibt negative Medienberichte. Aber es gibt auch positive. Es ist wichtig, dass die Landwirtschaft wieder mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht wird und sympathisch rüberkommt.

Zugegeben, es wird schwierig, Verbraucher auf frisch gemähte Wiesen zu locken, damit sie mal am frisch geschnittenen Gras schnuppern können. Und auch an der Meditation auf dem Trecker hat vielleicht nicht jeder Spaß. Doch diese positiven Ansätze machen sympathisch, denn sie erzählen Geschichten von begeisterten Menschen. Sie zeigen, dass Landwirte viel Herzblut in ihre Arbeit stecken und keine herzlosen Umweltsünder sind.

Vielleicht hilft es also, sich ab und zu mal in den gestressten städtischen Pendler hineinzuversetzen und zu überlegen, wie man ihn erreichen kann. Wie man ihn teilhaben lassen kann an der Berufung Landwirt. Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit gibt es viele, man muss sie nur einsetzen. Und zwar mit einer guten Prise Leidenschaft, wie immer.


LZ Rheinland Nr. 29/2017

Gartenbau Profi Nr. 07/2017

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 03/2017