30.06.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 26/2021 - Bestellen, aber nicht bezahlen?

Dr. Elisabeth Legge

Aldi prescht vor und will bis 2030 Frischfleisch  der Haltungstufen 1 und 2 aus seinen Regalen und Kühltheken verbannen. Und damit könnte der Discounter branchenweit Standards in Sachen Tierwohl setzen.

Wenn die Politik nicht zu Potte kommt, dann übernehmen andere das für sie. Aldi jedenfalls ist vergangene Woche vorgeprescht in Sachen Tierwohl. Aldi Süd und Aldi Nord wollen künftig nur noch Fleisch aus Betrieben mit höheren Haltungsstandards anbieten. Nicht sofort, aber bis 2030 will der Discounter nur noch Frischfleisch in den Handelsstufen 3 und 4 anbieten. Eine interessante und überraschende Ankündigung, mit der der Discounter am Freitag vergangener Woche aufwartete. Und er hat hiermit auch für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Geplant ist nach Angaben des Discounters ein schrittweiser Ausstiegsplan. Damit soll den Landwirten, Verarbeitern und Lieferanten Planungssicherheit gegeben werden. Beide Aldi-Konzerne wollen nach eigenem Bekunden mit ihrem Vorstoß Veränderungen im gesamten Markt anstoßen. Nach Aussagen eines Unternehmenssprechers ist die Ankündigung „der konsequenteste Schritt hin zu mehr Tierwohl, die der Handel in Deutschland je gemacht hat“.

Der eine oder andere mag es als PR-Gag oder Werbegag auffassen, aber die Ankündigung des Discounters sollte man nicht unterschätzen. Im Gegenteil: Es ist ein kluger Schachzug des Discounters, der ein deutliches Signal für mehr Tierwohl setzt hin in Richtung Verbraucher, aber auch an die Tierhalter und vor allen Dingen an die Politik. Das Unternehmen weiß nur zu genau, dass ein Umbau der Nutztierhaltung in Deutschland nur klappt, wenn die Zielkonflikte „Tierschutz – Umweltschutz – Baurecht“ gelöst sind. Eine echte Mammutaufgabe.

Fakt ist: Aldi will mit seiner Marktmacht die Tierhaltung verändern und Marktmacht hat Deutschlands führender Discounter. Die Landwirte haben dies in der Vergangenheit immer wieder zu spüren bekommen. Bei Frischfleisch liegt der Marktanteil der beiden Aldi-Konzerne in Deutschland bei immerhin 24 %. Da kann man schon einmal vorpreschen und versuchen, den Markt umzukrempeln. Natürlich schafft ein Unternehmen wie Aldi das nicht alleine und ist darauf angewiesen, dass andere Unternehmen folgen. Und das tun sie. Auch Rewe und Penny haben noch am gleichen Tag wie Aldi erklärt, in Sachen Tierwohl nachzuziehen.

Die Ziele von Aldi sind dabei äußerst ambitioniert. Denn woher will der Discounter in neun Jahren das Fleisch zu 100 % aus den Haltungsstufen 3 und 4 bekommen? Im Moment ist Fleisch aus diesen Haltungsstufen noch eine absolute Marktnische. Hier ist vor allen Dingen die Politik gefordert. Sie steht einer Weiterentwicklung der Tierhaltung im Wege. Alle fordern mehr Tierwohl und die Tierhalter sind dazu auch bereit. Nur die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Viele Tierhalter, die ihre Ställe umbauen wollen, erhalten überhaupt keine Baugenehmigung für Um- und Neubauten. Der Deutsche Bundestag hat Anfang Mai die Chance vertan, mit einer Änderung des Baugesetzbuches mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung zu ermöglichen. Noch nicht einmal die Regierungsfraktionen stimmten für Genehmigungsmöglichkeiten für den Umbau der Ställe im Sinne des Tierwohls. Die GroKo hat zwar vergangene Woche einen Kompromiss gefunden und im Bundestag wurde eine Änderung im Baugesetzbuch beschlossen. Danach dürfen einige Ferkelerzeuger jetzt doch noch „privilegiert“ ihre Ställe umbauen. Aber das gilt nur für die großen Ferkelerzeuger, nicht für die kleineren und auch nicht für die Schweinemastbetriebe.

In Sachen Nutztierhaltung werden deutlich höhere Standards für die Zukunft gefordert, aber es fehlt an glaubwürdigen Si-gnalen nicht nur bei den Baugenehmigungen für Tierwohlställe. Es fehlt auch an Signalen in Sachen Honorierung der höheren Standards. Mehr Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif, das muss eigentlich allen klar sein. Die Landwirte sind bereit zum Umbau der Tierhaltung, aber nur, wenn sie damit nicht ihr Familieneinkommen aufs Spiel setzen. Aldi hat zwar angekündigt, dass die Preise für die höherwertige Ware der Haltungsstufen 3 und 4 auch entsprechend teurer sein werden, aber der Konzern  strebt nach eigenen Aussagen auch weiter die Preisführerschaft an. Der Discounter bestellt also, will aber für seine ambitionierten Pläne die Landwirte nicht bezahlen – eigentlich ein Unding. Das große Geld für den Umbau in der Tierhaltung muss also von irgendwo anders herkommen. Die Tierhalter können es nicht stemmen – so viel steht fest. Die Borchert-Kommission hat für den Umbau der Tierhaltung bereits ein Finanzierungskonzept erarbeitet, aber die Umsetzung lässt leider auf sich warten. Schade, dass die Politik hier in der laufenden Legislaturperiode keine Entscheidung getroffen hat. Jetzt ist die neue Bundesregierung am Zuge. Sie muss zügig den Rahmen dafür setzen, dass die Pläne von Aldi nicht nur eine Ankündigung sind, sondern auch Wirklichkeit werden können. Sonst bleiben die Tierhalter auf der Strecke.


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