26.06.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 26/2019 - Bio im Aufwind

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Überall gibt es weniger: weniger Milchviehbetriebe, weniger Ackerbaubetriebe, weniger Sauen- oder Schweinehalter. Nur ein Segment legt kontinuierlich zu, der Ökolandbau. Die Gründe für eine Umstellung werden vielfältiger.

Am 3. und 4. Juli gehen auf der Hessischen Staatsdomäne Frankenhausen bei Kassel die Ökofeldtage über die Bühne. Tausende Besucher werden zu der zweiten Auflage dieser Veranstaltung erwartet. Unter ihnen dürften, wie schon vor zwei Jahren zuvor bei der Premiere, auch viele Landwirte sein, die ihre Betriebe konventionell bewirtschaften. Wenn Pflanzenschutz und Düngung immer stärker reglementiert werden, macht es durchaus Sinn, sich umzuschauen, wie andere damit umgehen und welche alternativen Verfahren und Lösungen es gibt. Dümmer wird davon niemand. Gucken, was man gebrauchen und nachmachen kann, ist also ein Grund. Anderen dürfte es dagegen um Grundsätzlicheres gehen, da­rum, Argumente zu sammeln, die Bewirtschaftung zu Hause auf Bio umzustellen oder doch die Finger davon zu lassen.

Auf den Punkt gebracht, gibt es heute drei triftige Gründe für eine Umstellung. Rein weltanschaulich veranlasst ist heute kaum noch eine Betriebsumstellung. Für die meisten Umsteller der vergangenen Jahre waren die Förderungen von EU, Bund und Ländern wichtige Entscheidungsgründe, genauso wie die Perspektiven auf dem Markt für Ökolebensmittel. Jedoch: Zwar sprudeln die Umstellungshilfen nach wie vor, die Fördertöpfe werden teils sogar weiter aufgestockt, wie etwa im Bundeshaushalt erst jüngst um 10 auf 30 Mio. €; auch der Markt wächst – aber leider nicht in dem Maße, dass der immer aufnimmt, was die Neueinsteiger produzieren. Paradebeispiel ist die Milch, wo so manche Molkerei mittlerweile einen Aufnahmestopp für Umsteller verhängt hat.

Der Preisunterschied zwischen Öko- und konventioneller Ware geht laut Marktkennern auch wegen des Einstiegs der Discounter in das Biosegment zusehends zurück. Die hätten, so zitiert die Tageszeitung „taz“ den Marktforscher Joachim Riedl von der Hochschule Hof, „festgestellt, dass sich Bio vom Nischenthema zum gesellschaftlichen Megatrend entwickelt hat“. So erklärt sich auch, warum Discounter Lidl mit Bioland eine Kooperation eingegangen ist oder Kaufland, wie Lidl ein Unternehmen der Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm, Demeterprodukte ins Regal geholt hat. Ihren Teil vom Kuchen wollen aber auch die anderen Lebensmitteleinzelhändler abhaben. Und so exerzieren die munter, was sie schon bei Lebensmitteln aus konventioneller Erzeugung perfektioniert haben: sich gegenseitig im Preiswettbewerb zu unterbieten.

Eine abschreckende Wirkung hat diese – schon gewohnte – Preisspirale nach unten auf konventionelle Landwirte mit Umstellungswunsch scheinbar nicht. So nimmt die Zahl der Biobetriebe in NRW, Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zufolge, in den letzten Jahren regelmäßig um 90 oder mehr jährlich zu. Wirtschaftliche Beweggründe allein sind dafür also nicht unbedingt ausschlaggebend. Fragt man bei dem einen oder anderen nach, bekommt man eine überraschende, aber nachvollziehbare Antwort: „Wir sind es leid, ständig schief angeschaut zu werden und uns für das zu rechtfertigen, was wir auf dem Hof machen.“

Vor mehr als 18 jahren hat die damalige Bundeslandwirtschaftministerin Renate Künast von den Grünen das Ziel ausgerufen, den Anteil der Ökolandwirtschaft in Deutschland auf 20 % zu steigern. Das sollte bereits 2010 erreicht sein. Auch wenn mittlerweile schon fast jeder achte Betrieb nach Öko-Vorgaben bewirtschaftet wird und nach wie vor Zuwachs zu verzeichnen ist, ist Deutschland von diesem Ziel noch einiges entfernt. Die 20-%-Marke dürfte aber umso schneller erreicht werden, je schneller konventionelle Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen, zunehmenden Reglementierungen und/oder aus Gründen laufender Miesmacherei durch die Gesellschaft das Handtuch ganz hinwerfen oder eben auf Bio umstellen, um endlich selbst wieder zu den Guten zu gehören. Wenn mehr konventionelle Betriebe aufgeben, weil sie nicht mehr können oder mögen und der Zuwachs bei den Ökobetrieben ungebrochen bleibt, dann steigt automatisch der Anteil der Ökobetriebe in der Statistik. Ein Erfolg des Marktes oder der Politik ist das nicht. Das ist schlicht eine einfache mathematische Rechnung.


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