19.06.2019

Kommentar LZ-Rheinland Nr. 25/2019 - Kastrieren: ja oder nein?

Brigitte Wenzel

Fast ein Viertel der zweijährigen Übergangszeit bis zum Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration ist bereits vorbei. Dennoch wird sich die Zahl derer, die schon sicher wissen, was sie ab 1. Januar 2021 tun werden, kaum erhöht haben. Es sei denn, sie geben die Sauenhaltung ganz auf.

Diese Unentschlossenheit hat gute Gründe. Denn es sind noch einige Fragen offen und die möglichen Alternativen haben alle auch Nachteile oder Unsicherheiten bei der Umsetzung oder bei der Vermarktung (siehe Interview auf S. 20). Es gibt nicht den Königsweg, um aus der Misere he­rauszukommen, in die die Schweinehalter durch das Verbot der bisher üblichen Ferkelkastration gedrängt wurden.

Bereits in den letzten Jahren ist viel Bewegung in die Thematik von Alternativen zur betäubungslosen Kastration gekommen, das stellte sogar der Deutsche Tierschutzbund in seiner jüngsten Bewertung fest. Viele Forschungsarbeiten und praktische Initiativen seien dabei, das Thema zu durchleuchten, so der Verband, und er bescheinigte sogar „noch bestehende Schwierigkeiten bei der Umsetzung der kastrationsfreien Methoden“, weswegen er es als sinnvoll erachte, „auch die Kas­tration unter Vollnarkose als tierschutzkonforme Alternative zu akzeptieren“. Mittelfristig solle jedoch auf den Eingriff verzichtet werden.

Damit ist die Zielrichtung eigentlich klar. Unter Vollnarkose zu kastrieren, wird eher geduldet als für gut befunden. Einige Tierschutzverbände sind aber der Meinung, dass eine Vollnarkose nicht in andere Hände als Tierärztehände gehört. Sie lehnen den von der Bundesregierung bereits eingeschlagenen Weg vehement ab. Zur Erinnerung: Die sogenannte Isofluran-Verordnung soll es Landwirten oder anderen sachkundigen Personen ermöglichen, die Narkose mit Isofluran bei Ferkeln durchzuführen. Dies ist nicht nur eine Antwort auf den hohen deutschen Standard und die damit verbundenen Wettbewerbsverzerrungen. Sie soll auch vor dem Hintergrund des Nutztierärztemangels eine wirksame Schmerzausschaltung bei der Kastration flächendeckend ermöglichen. Die Bundesregierung will Sauenhaltern also eine Zukunft geben. Ob die Politik das nötige Rückgrat hat, der grundsätzlichen Ablehnung der Kastration durch einige Gruppen auf Dauer standzuhalten, muss man sehen.

Ebermast und Ebermast mit Impfung werden selbst von den Wissenschaftlern des Friedrich-Loeffler-Instituts als die besseren Alternativen gesehen. Allerdings müssen diese und andere Personenkreise nicht von der Vermarktung dieser Schweine leben und brauchen deshalb auch keine Rücksicht auf Kundenwünsche zu nehmen, um am Markt erfolgreich zu sein.

Da Betriebe sehr unterschiedlich aufgestellt sind, was Erzeugung, Haltung, Größe, Lage und Absatzwege angeht, lassen sie sich nicht über einen Kamm scheren. Es gibt nicht den einen Weg für alle Schweinehalter. Aber es sollte für jeden einen Weg geben! Deshalb ist es Position des Bauernverbands, dass alle Alternativen gleichwertig nebenei­nan­derstehen sollten, gerne auch neue, wirksame Arzneimittel, die die Schmerzausschaltung ohne Narkose gewährleisten. Denn die Narkose ist eine enorme Belastung für die jungen Tiere.

Mit mehreren Alternativen hat man zwar die Qual der Wahl, aber auch die Chance, genau den richtigen Weg für den eigenen Betrieb wählen zu können. Eine gute Ausgangssituation für Unternehmer. Die erste Frage, die sich jeder Sauenhalter beantworten sollte, lautet deshalb: Muss ich weiter kastrieren oder kann ich da­rauf verzichten? Wer auf diesen Eingriff verzichtet, wer aufhört zu kastrieren, hat argumentativ auf jeden Fall die besseren Karten! Denn er lässt die Tiere unversehrt. Unversehrtheit ist seit Jahren in Tierschutzdebatten ein zentraler Begriff. Der Verzicht auf das Kastrieren lässt sich leichter beschließen, wenn man nicht bangen muss, dass die Ferkel keinen Abnehmer finden. Das heißt, wenn man Kunden hat, die auch Eber rentabel mästen, oder wenn man seine Ferkel selbst mästet und für sich entscheidet, dass man gegen den Ebergeruch impft, statt die Ferkel zu kastrieren. Diese Alternative, die sogenannte Immunokastration, erscheint unattraktiv, weil sie auch einen Extraaufwand darstellt und Eber immer noch Eber sind. Aber die Impfung könnte auch Vorteile haben: Die Tiere blieben unversehrt, die Gefahr von Rangkämpfen und damit Verletzungen würde sinken und auch ein stressiger Transport dürfte nicht zu sogenannten Stinkern führen. Zudem heißt es, dass die Fettqualität von geimpften Ebern besser wäre als von ungeimpften Ebern.

Nach jahrelangen Antibiotikavorwürfen schien es für die Landwirtschaft wirklich nicht attraktiv, auf ein Verfahren zu setzen, das Tierarzneimittel braucht, die mit der Spritze verabreicht werden. Aber nachdem sich auch hochrangige Wissenschaftler so hinter diese Alternative zur Ferkelkastration stellen, ist es wirklich Zeit, eigene Erfahrungen zu sammeln. Denn der Kunde möchte Qualität und Tierschutz. Einen Versuch ist es wert!


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