14.06.2017

Kommentar LZ Rheinland Nr. 24/2017 - Glückauf zum Saisonauftakt

Die Kartoffel hat der Zuckerrübe den Rang abgelaufen und darf sich gelegentlich schon mit dem Titel „Königin der Feldfrüchte“ schmücken.

Christiane Närmann-Bockholt

Am Sonntag gab es den offiziellen Startschuss für den Beginn der Frühkartoffelsaison im Rheinland und es hat schon Tradition, dass sich bei diesem Event auch die neue Rheinische Kartoffelkönigin der Öffentlichkeit vorstellt (siehe S. 48). Ab sofort wird Anne Dicks die Königin der Feldfrüchte in der neuen Saison mit sympathischer Imagewerbung begleiten, ihre Vielseitigkeit auf vielen Veranstaltungen ins rechte Licht rücken und die Verbraucher wieder auf den Geschmack der tollen Knolle bringen.

Im Fokus der Öffentlichkeit steht die Kartoffel in dieser Woche auch in Antwerpen. Der Europäische Kartoffelhandelsverband Europatat hat in die Handelsmetropole Flanderns zum Kongress eingeladen, der traditionell zu Beginn einer neuen Kartoffelsaison stattfindet. Zum Saisonauftakt nehmen die europäischen Handelsorganisationen die aktuellen Marktbedingungen unter die Lupe und pflegen die politischen Kontakte. Bemerkenswert ist das diesjährige Motto der Veranstaltung. „Make the European Potato Trade great again!“ hat sich Europatat wenig bescheiden auf seine Kongress-Fahnen geschrieben und tut es damit Amerika und seinem großmäuligen Präsidenten gleich.

Unstrittig ist, dass die Kartoffel auch im internationalen Handel eine immer größere Rolle einnimmt. Immerhin zählen die Knollen nach Mais, Weizen und Reis zu den weltweit wichtigsten Lebensmitteln. Sogar in China, bereits heute mit einer Anbaufläche von rund 5,3 Mio. ha der größte Kartoffelproduzent der Welt, ist die Kartoffel längst auf gutem Weg, dem dortigen Hauptnahrungsmittel Reis den Rang abzulaufen. Forciert wird die Entwicklung von der chinesischen Regierung mit groß angelegten Image-Offensiven, auch weil die Kartoffel noch in den Regionen gedeihen und zur Versorgung der Bevölkerung beitragen kann, wo der Reisanbau nicht mehr funktioniert. Dafür ist im Land der Mitte auch Kartoffeltechnik und Know-how aus deutschen Unternehmen gefragt. Längst sind die roten Roder und die blauen Landmaschinen auch auf chinesischen Äckern unterwegs.

Zurück in die Region: Auch wenn die exakten offiziellen Daten für das Anbaujahr 2017 noch nicht vorliegen – wer mit offenen Augen durchs Land fährt, nimmt wahr, dass auch hierzulande die Anbauer mehr Knollen in die Erde gebracht und die Kartoffelflächen ausgedehnt haben. Dabei hat das Gros der Landwirte aber auf Nummer sicher gesetzt und Anbauverträge gezeichnet. Wie die Rheinische Erzeugergemeinschaft für Kartoffeln – kurz REKA – meldet, fällt der Anteil an Vertragsware im Jahr 2017 deutlich höher aus als in den Vorjahren. Und die Marktexperten sagen heute zu, dass bei den Veredlungskartoffeln die Vertragsware auch fristgerecht abfließen wird.

Es bleibt Fakt, dass der Rohstoffhunger der Fritten- und Chipsfabriken in den Niederlanden und in Belgien nach wie vor groß ist und der Markt für Pommes frites unaufhaltsam weiter wächst. Dem tut auch der Brexit keinen Abbruch, auch wenn die Branche der Ernährungsindustrie die ungewissen wirtschaftlichen Beziehungen zu Großbritannien mit einigem Stirnrunzeln verfolgt. Zumal sich das Vereinigte Königreich nach dem Wahlausgang mit „May-Day“ in der vergangenen Woche vom harten Brexit-Kurs zu verabschieden scheint.

Der Markt differenziert sich weiter: Während die Kartoffeln, die die Industrie zu Chips, Pommes frites und einer Vielzahl an Tiefkühl- und Convenience-Produkten veredelt, auf einen sehr aufnahmefähigen Markt treffen und der Abfluss gesichert ist, haben es die Anbauer von Speisekartoffeln in dieser Saison ungleich schwerer. Insbesondere die frühe Speiseware muss um den Einstieg in den Markt kämpfen und sich gegen das große Angebot aus Israel, Ägypten, Zypern, Italien und Spanien im Wettbewerb behaupten. Die große Frage ist einmal mehr: Platziert der Handel die heimische Ware oder bleibt die Forderung nach mehr Regionalität in den Regalen ein Lippenbekenntnis, weil doch die preiswertere Importware geordert wird? Bei den erheblichen Preisunterschieden werden auch die hiesigen Frühkartoffelanbauer zu Zugeständnissen gezwungen sein, um im Geschäft zu bleiben.

Die rheinische Kartoffelwirtschaft, deren Stimme auch dank ihrer schlagkräftigen Erzeugergemeinschaft im Bundesgebiet durchaus Gewicht hat, trägt maßgeblich dazu bei, dass Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen und Bayern die Nr. 3 im deutschen Kartoffelanbau ist. Um den Standortvorteil weiter auszubauen, stellt sich jetzt auch die Vermarktung neu auf. Das Handelshaus Weuthen, eine RWZ-Tochter, zieht in diesem Jahr mit einer stattlichen Investition von rund 10 Mio. € das Augenmerk auf sich. In Sichtweite zum bisherigen Standort in Waldniel laufen die Bauarbeiten für den Neubau eines Lagers mit einer Kapazität von 5 000 t samt Annahme und Sortierung gerade auf Hochtouren. Zur Haupternte 2017 soll das Bauprojekt nach Plan weitgehend abgeschlossen sein und die Transportgespanne mit den Knollen können rollen – um von hier aus in die richtigen und hoffentlich in der Saison 2016/17 lukrativen Kanäle weiterzufließen.


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