09.06.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 23/2021 - Ewige Last

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die größte Müllkippe der Welt schwimmt zwar auf dem Meer. Aber auch die wenigen Zentimeter, die die Menschen ernähren, bleiben nicht von Plastikmüll verschont. Dabei haben die Landwirte einen geringen Anteil daran, dass in Deutschland im Schnitt jährlich etwas mehr als ein Kilogramm Plastik je Hektar Nutzfläche im Boden landet und dort über Jahre und Jahrzehnte verbleibt.

Die angeblich größte Müllkippe der Welt ist mit einer Fläche von 1,6 Mio. km2 viermal so groß wie Deutschland. Sie besteht aus Plastik und schwimmt seit Jahren im Pazifik zwischen der kalifornischen Küste und Hawaii. Schwimmende Teppiche aus Kunststoffflaschen und Meerestiere, um deren Hals sich Plastiktüten schlingen, sind in der Tat die Bilder, die einem als Erstes in den Sinn kommen, wenn es um Plastik in der Umwelt geht. Dabei sei die Verschmutzung mit Plastik an Land „zwischen vier- und 23-mal höher als im Meer“. Das behaupten jedenfalls die Autoren des Plastikatlas, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) 2019 he­rausgegeben haben. Ob die Behauptung stimmt, wird wohl noch etwas im Unklaren bleiben. Denn „wie viel Plastik auf Äckern landet, ist wenig erforscht“, schränken die Autoren des Plastikatlas selbst ein.

Etwas Licht ins Dunkel bringen jetzt Berechnungen, die das Forschungsinstitut Fraunhofer UMSICHT angestellt hat. Demnach landen jährlich knapp 19 000 t Plastik auf den Feldern Deutschlands und verbleiben dort. Auch wenn angesichts von großflächig mit Folie überspannten Spargel- oder Erdbeerfeldern der Eindruck ein anderer sein könnte: Die Landwirtschaft trägt nur einen Teil zu diesen Emissionen bei. Laut der Studie verursacht sie mit 3 635 t weniger als ein Fünftel der Gesamtbelastung selbst. 81 % entstehen dagegen außerhalb der Landwirtschaft, belasten sie aber auf Dauer, da die Plastikreste, egal ob Fetzen von Tüten oder sogenanntes Mikroplastik, sich – wenn überhaupt – meist nur langsam, über Jahrzehnte oder in noch längeren Zeiträumen restlos zersetzt.

Eine wesentliche Quelle für Plastikeinträge, die ihren Ursprung außerhalb der Landwirtschaft haben, spielt im Rheinland kaum mehr eine Rolle. Denn der Einsatz von Klärschlämmen liegt hier schon seit Längerem im einstelligen Prozentbereich. Wo die stoffliche Verwertung noch eine größere Rolle spielt, etwa in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen, gelangt dagegen noch viel Plastik, das die Siebe der Kläranlagen nicht erwischt, so auf die Felder. Und bleibt dort unbemerkt. Denn die im Klärschlamm enthaltenen Teilchen sind mikroskopisch klein. Ohne sie kommen viele Wasch- und Putzmittel, Kosmetika und andere Produkte des täglichen Lebens heute kaum mehr aus. Eine alltägliche Quelle von Mikroplastik, die in der Fraunhofer-Studie teils Klärschlämmen angerechnet wird, ist der Abrieb von Fahrzeugreifen, der mit Niederschlagswasser in die Kläranlagen gelangt. Aufgrund ihrer Bewegungsdynamik in der Luft dürfte diese Art von Mikroplastik aber auch überall dort eine Rolle spielen, wo Straßen entlangführen. Davon hat das Rheinland viele und auch viele, die quer durch fruchtbares Land führen.

Eine weitere bedeutende außerlandwirtschaftliche Quelle für Plastikbelastungen der Böden, die von den Fraunhofer-Wissenschaftlern identifiziert wurde, springt einem dagegen förmlich ins Auge. Das ist der Müll, der überall in der Landschaft zu finden ist, weil er achtlos liegen gelassen wurde, weil er im Vorbeifahren aus dem Auto geworfen wurde, weil Abfallbehälter überquellen, weil Säcke, die für die Entsorgung gedacht waren, geplatzt sind usw. Oder kurz: Weil Menschen im Umgang mit ihrem Abfall ihrer persönlichen Verantwortung für den Umweltschutz nicht nachkommen. Die Folgen haben andere zu tragen. Zum einen Landwirtinnen und Landwirte, indem sie heute aus Gewissenhaftigkeit oder zum Schutz ihrer Tiere vor Fremdkörpern im Futter regelmäßig ihre Flächen abschreiten, den Müll aufsammeln und entsorgen. Zum anderen kommende Generationen, weil sich in den wenigen Zentimetern Boden, von denen sich die Menschheit ernährt, über Jahre hinweg Rückstände anreichern und diesen so zusehends entwerten.

Zwar geht es scheinbar um keine großen Mengen an Plastik, die aus außerlandwirtschaftlichen Quellen im Bundesdurchschnitt insgesamt auf landwirtschaftlichen Nutzflächen landen. Umgerechnet handelt es sich um knapp unter 1 kg jährlich. Doch wie der Plastikteppich im Pazifik sind die Böden die Endstation, an der sich immer mehr ansammelt. Dort überdauern die Kunststoffe und es gibt kaum Möglichkeiten, die Rückstände wieder aus dem Boden zu holen. Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, einmal Mitbürgerinnen oder Mitbürgern begegnen, wie sie gerade die Stullentüte am Feldrand vergessen, erzählen Sie ihnen doch einmal von dieser ewigen Last.


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