05.06.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 23/2019 - Freiwilligkeit führt

Werden sich Landwirtschaft und Naturschutz in NRW auf ein gemeinsames Vorgehen in Sachen Insektenschutz einigen können? Das fragten sich viele Bauern im Vorfeld der Konferenz „Insekten schützen – Artenvielfalt erhalten“ in Düsseldorf. Die Landwirte haben alles gegeben, um zu zeigen, dass man mit freiwilliger Kooperation weiterkommt.

Nur im Miteinander und mit Kooperationen kann Naturschutz langfristig erfolgreich sein. Das hat man in NRW verstanden.

Was war das für eine Woche für die rheinischen Bauern! Gleich auf drei Veranstaltungen haben sie der Öffentlichkeit und zuvorderst der NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser gezeigt, wie sie sich für den Artenschutz und insbesondere für den Insektenschutz einsetzen: In Köln-Pulheim am Mittwoch vergangener Woche ging es um den Hamsterschutz, am vergangenen Freitag in Köln-Widdersdorf wurde symbolisch und stellvertretend für viele weitere Artenschutzmaßnahmen ein Insektenhotel an einem Blühstreifen eröffnet und am Montag legte RLV-Präsident Bernhard Conzen bei der Konferenz „Insekten schützen – Artenvielfalt erhalten“, zu der die NRW-Landwirtschaftsministerin eingeladen hatte (siehe Berichte ab S. 10), den gesamten Einsatz der Bauern in die Waagschale.

Der Druck ist hoch, es geht um viel. Die Landwirte werden vielerorts als „Umweltsünder“ diskriminiert, wie zuletzt in Erftstadt (die LZ berichtete). Nach dem Volksbegehren in Bayern haben die Bauern noch mehr an Ansehen eingebüßt, es hat tiefe Gräben zwischen Naturschutz und Landwirtschaft aufgeworfen. Mit einer emotionalen, aber wenig an Fakten orientierten Kampagne („Rettet die Bienen!“) sind gesetzliche Regelungen durchgesetzt und die Bauern überfahren worden – auch von der Politik. Und dann passiert genau das, was keiner will: Jeder rettet seine Haut – zu Lasten der Natur. Das jüngste Beispiel aus der Fränkischen Schweiz zeigt, wohin das bayerische Volksbegehren auch geführt hat (siehe LZ 22, S. 6): Dort befürchteten Landwirte, dass sie ihre Streuobstwiesen künftig nicht mehr so bewirtschaften können, wie sie es über Generationen gemacht haben. Viele haben deshalb ihre Obstbäume gerodet. Die Folge: Auf die Vielfalt, wie sie in Streuobstflächen gang und gäbe war, dürfte Verarmung an Flora und Fauna folgen. Das haben die Initiatoren des bayerischen Volksbegehrens sicher nicht beabsichtigt. Aber das zeigt, wie wichtig die Freiwilligkeit und die Kooperation sind!

Man muss Ministerin Ursula Heinen-Esser zugutehalten, dass sie einen Dialog anstrebt, bevor der Konflikt, wie in Bayern, in einem Volksbegehren explodiert. Bei der großen Insektentagung Anfang der Woche in Düsseldorf kamen alle Seiten zu Wort und man suchte gemeinsam nach Lösungen. Der richtige Ansatz! Schade war allerdings, dass nur der Status quo des Artenrückgangs diskutiert wurde, nicht aber, welche konkreten Lösungen es gibt. Obwohl der Klimawandel längst in vollem Gange ist und der Artenschwund jetzt schon dramatisch ist, spürte man bei den Diskutierenden keinen Handlungsdruck – obwohl die Zeit drängt. Denn wie Dr. Eckart von Hirschhausen (siehe S. 18) unterhaltsam erklärte, ist der Klimawandel ein physikalischer und kein demokratischer Prozess – und die Physik wartet nicht auf uns. Positiv bleibt aber: Die Ministerin hob mehrmals hervor, dass sie den Weg gemeinsam mit Landwirtschaft und Naturschutz gehen wolle. Die Bauern können also sicher sein, dass sie eingebunden werden!

In NRW gibt es im Unterschied zu anderen Bundesländern für ein solches Vorgehen ein gutes Fundament. Seit Jahren besteht trotz mancher Meinungsverschiedenheiten ein gutes kooperatives Mitei­nan­der zwischen Naturschutz und Landwirtschaft. Das hohe Gut der konstruktiven Zusammenarbeit darf nicht durch ein Volksbegehren aufs Spiel gesetzt werden. Dies sollte man nutzen, um wie schon so oft in der Vergangenheit intelligente Lösungen zu finden, die der Natur und den Arten nützen und den Bauern nicht schaden. Die rheinischen Bauern setzen auf Freiwilligkeit und Kooperationen. Um nur einige Beispiele zu nennen: die Kooperationsvereinbarung zum Schutz der Streuobstbestände, die freiwillige Vereinbarung zur Förderung der Biodiversität oder das Anlegen von Blühstreifen und blühenden Zwischenfrüchten.

Und trotzdem muss noch mehr passieren: Die Landwirte müssen zeigen, dass sie das Thema Insektenschutz gemeinsam anpacken wollen und weiter zur Tat schreiten. Es darf nicht länger unter den Bauern verpönt sein, Blühstreifen anzulegen, aus Angst, der benachbarte Acker könnte „dreckig“ werden. Der angesehenste Bauer müsste der sein, der sich am meisten für den Artenschutz engagiert. Es muss mehr werden. Nicht nur in Vorzeigeprojekten, sondern in der Breite sollten sich alle beteiligen, wollen wir die Umwelt im Gleichgewicht halten! Und natürlich brauchen die Bauern dazu weiterhin die richtige Unterstützung mit geförderten Programmen. Ein Mehr an Naturschutz kann es nicht zum Nulltarif geben. Hier kann die Politik für die Bauern Anreize setzen und den Arten- und Umweltschutz weiter finanziell unterstützen. Nur im Mitei­nan­der und mit Kooperationen kann Naturschutz langfristig erfolgreich sein. Das hat man in NRW verstanden.


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