26.05.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 21/2021 - Geld ist da

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Deutschen haben angesichts von Corona eine enorme Summe gespart, weil die Gelegenheiten zum Konsum gefehlt haben. Von dem Betrag könnte locker bezahlt werden, was die Verbraucherinnen und Verbraucher vorgeben zu wollen. Und das ist einiges, wie der Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums (wieder einmal) herausgefunden hat.

Die Inzidenzen fallen und die Impfungen gegen den Erreger von Covid 19 gehen voran. Das nährt Hoffnungen, dass Absatzmärkte, die unter der Pandemie gelitten haben, sich allmählich erholen. Die Anbauer von Verarbeitungskartoffeln können ein Lied davon singen. Ohne Festivals und Systemgastronomie ist der Absatz von Pommes frites ins Bodenlose gefallen. Ein Organisationsgrad, wie man ihn in Deutschland vergeblich sucht, sowie eine enge Zusammenarbeit in der Kette haben im Rheinland das Allerschlimmste verhindert. Wer Speisekartoffeln angebaut und die womöglich selbst an die Frau oder den Mann gebracht hat, der hatte zudem Glück. Verbraucherinnen und Verbraucher haben mehr zu Hause gekocht und der Wunsch zu wissen, wo es herkommt, war oft Anlass, dort zu kaufen, wo Lebensmittel entstehen. Ob das anhält, wenn Corona einmal nicht mehr den Alltag überschattet, und ob das auch für andere Lebensmittel gilt, ist ungewiss. Manche Meinungs- und Marktforscher gehen davon aus, dass es bei Nahrungsmitteln bleibende Veränderungen im Einkaufs- und Verzehrsverhalten geben wird. Andere bezweifeln es und sagen voraus, dass alte Muster zurückkehren. Tatsächlich liefern Erhebungen kein einheitliches Bild.

Keine neuen Erkenntnisse bringt etwa der Ernährungsreport, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) jüngst vorgestellt hat. Wie zu erwarten, stimmte bei der zugrunde liegenden Befragung eine Mehrheit der Verbraucherschaft ganz oder zum großen Teil Fragen zur Bedeutung von regionaler Herkunft oder der Wichtigkeit zu, auf bestimmte Siegel oder Angaben auf der Verpackung zu achten. Wie es die Befragten halten, wenn es an den Griff ins Regal oder in die Kühltheke geht, beantworten die vom BMEL veröffentlichten Unterlagen genauso wenig wie die Frage nach einer höheren Zahlungsbereitschaft. Ablesen lässt sich aus dem Ernährungsreport aber eine Aussage, die sich in ähnlicher Weise in anderen aktuellen Erhebungen wiederfindet. Tierwohl oder ethische Aspekte bei der Herstellung spielen zum Beispiel auch laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey eine größere Rolle. Nachhaltiger beziehungsweise achtsamer Konsum sei im Trend. So haben  McKinsey zufolge bei einer Befragung von 5 000 Menschen in Österreich, der Schweiz und in Deutschland vier von fünf angegeben, in der Pandemie ganz bewusst auf Nachhaltigkeit beim Einkauf geachtet zu haben. Was allerdings stutzig macht: Zumindest in der Schweiz ist laut Neuer Zürcher Zeitung der Absatz entsprechend ausgezeichneter Produkte ins Stocken geraten und war im Corona-Jahr „in wichtigen Kategorien sogar rückläufig“. Wie es sich in Deutschland verhält, lässt sich nur mutmaßen. Es dürfte aber kaum besser aussehen. Denn zum einen haben in der Schweiz Produkte, die nach Tierwohlkriterien erzeugt wurden, eine höhere Marktdurchdringung als in Deutschland, da entsprechende Labels schon länger existieren. Zum anderen darf man im Ländervergleich durchaus von einer generell höheren Zahlungsbereitschaft der Eidgenossen für Lebensmittel ausgehen. Tatsächlich konstatiert die Uni Göttingen in einer im Spätsommer des vergangenen Jahres veröffentlichten Studie sogar, dass sich bedingt durch Corona relativ viele Haushalte in einer finanziell angespannten Situation befinden; 40 % würden vermehrt auf Sonderangebote achten und 30 % vermehrt günstige Lebensmittel kaufen.

Dabei haben die Bundesbürger in ihrer Gesamtheit nach einer Berechnung des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo in der Pandemie viel Geld zur Seite gelegt. Auf 100 Mrd. € veranschlagen dessen Experten die „Überschussersparnis“, die da-raus resultiert, dass viele Konsumgelegenheiten wie zum Beispiel der Besuch im Restaurant oder die Urlaubsreise der Lockdowns wegen einfach ausgeblieben sind. Die Bundesbank beziffert den Anstieg der Bankeinlagen privater Haushalte von Januar 2020 bis Januar 2021 sogar auf 182 Mrd. €. Damit ließe sich zum Beispiel locker der von der Borchert-Kommission für den Umbau der Tierhaltung angesetzte Betrag von etwa 3 Mrd. € pro Jahr in den nächsten Jahren bestreiten. Natürlich verbietet sich der ungenierte Griff in die Taschen anderer Leute von selbst. Aber es wäre schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die begüterteren Mitbürger beim Einkauf das tun, was sie in Umfragen gerne vorgeben zu tun: Für das Mehr, das sie einfordern, mehr auf den Tisch zu legen. Das ist mein Verständnis von nachhaltigem Konsum.


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