13.05.2020

Kommentar LZ Rheinland Nr. 20/2020 - Schockdown nach dem Lockdown?

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Nach der Schließung des Schlachthofs in Coesfeld bangen die Viehhalter im Land. Denn nicht nur der Preisdruck dürfte zunehmen. Es stellt sich auch die Frage, wie stark dadurch die Strukturen in der Schweinehaltung in Mitleidenschaft gezogen werden. Und wie die Branche vorbauen könnte.

Die Ferkelerzeuger haben derzeit wahrlich keinen Grund zum Jubeln. Das Thema Kastenstand ist noch nicht ausgetragen. Es steht auch in dieser Woche nicht auf der Tagesordnung des Bundesrates, der am Freitag zusammenkommt. Die Hängepartie geht also weiter. Näher rückt dagegen das wohl unverrückbare Ende der betäubungslosen Kastration der Ferkel. Jetzt müssen die Sauenhalter zu allem Übel möglicherweise auch noch darum bangen, dass es infolge von Schlachthofschließungen aufgrund positiver Corona-Befunde zu einem Rückstau auf dem Schlachtviehmarkt kommt. Die Gekniffenen wären sie. Können Mäster schlachtreife Tiere durchaus noch etwas stehen lassen und mit Neueinstallungen warten, lassen sich belegte Sauen nicht einfach abschalten und Geburten hinauszögern. Am Ende, das wäre das schlimmste aller Szenarien, wäre dies sogar der letzte Anstoß für manchen, endgültig die Tür zuzumachen und aus der Sauen­haltung auszusteigen. Corona facht die Diskussion um Strukturbrüche, welche die beiden zuerst genannten Aspekte Kastenstand und Kastration bereits ausgelöst haben, also weiter an. Die gilt es zu vermeiden – durchaus auch durch ein abgestimmtes Vorgehen der Branchenbeteiligten, wenn es darum geht, Schlachtkapazitäten an anderen Orten zu organisieren, um die gewohnten Tier- und Warenströme nicht zum Erliegen zu bringen – auch um dem Tierschutz Rechnung zu tragen.

Was macht das aktuelle Geschehen noch deutlich? Dass die Viehhaltung und Fleischwirtschaft eng miteinander verzahnt sind, weiß die Branche. Aber auch deren Kritiker und Gegner wissen das. Denen bietet das aktuelle Geschehen reichlich Angriffsfläche, um die generelle Systemfrage zu stellen. Denn in deren Augen ist das System Fleisch Ursache vieler Übel, allen voran die Ausbeutung von Mensch und Tier und Umwelt. Um es zuzuspitzen: Die Branchenbeteiligten vom Landwirt, über die Schlachtung und die Zerlegung bis hin in den Handel und die Gastronomie verbindet nicht nur ein wirtschaftliches Ziel, verbunden sind sie auch in der Frage der gesellschaftlichen ­Akzeptanz.

Die Corona-Pandemie unterstreicht die Notwendigkeit, dass sich die Branche gemeinsam Gedanken um ihre Zukunfts­fähigkeit macht. Initiativen dazu gibt es zur Genüge. Das beginnt bei der Initiative Tierwohl, das ist auch Ziel der Nutztierstrategie von NRW-Umwelt- und Agrarministerin Ursula Heinen-Esser, und das steht auch im Mittelpunkt der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eingesetzten Borchert-Kommission. Denn eines sollten mittlerweile alle begriffen haben, wenn mal wieder das Bild von „Wir sitzen alle in einem Boot“ strapaziert wird: Wenn einer zu sehr seinen Eigennutz in den Vordergrund stellt, oder bildlich gesprochen, sich zu sehr über den Rand lehnt, kann das ganze Boot kentern und alle untergehen lassen. Deshalb sollten sich alle mitverantwortlich fühlen, dass die Ferkelerzeuger eine Perspektive haben. Die Bauern müssen sich auch bewusst werden, dass sie zwar nicht direkt verantwortlich sind, wenn Zweifel an einer menschenwürdigen Unterbringung von Leiharbeitern in nachgelagerten Betrieben aufkommen, sie aber von der Öffentlichkeit ebenso zur Rede gestellt werden. Den Viehhändlern und Schlachtunternehmen sollte auch klar sein, dass ein übertriebenes Herunterschrauben der Preise in Notsituationen wie der jetzigen (Stichwort Abschläge für zu leichte Tiere) nur das Wegbrechen der heimischen Rohstoffbasis beschleunigt und damit die eine oder andere Vergrößerungsfantasie womöglich zunichtemacht. Und dem Handel schließlich muss klar werden, dass es ihn genauso trifft, wenn irgendwann jeder Verbraucher kapiert hat, dass er selbst oder jeder andere aus seinem Umfeld das nächste Opfer der Billigschraube sein kann; vielleicht nicht unbedingt, weil er im Lebensmittelsektor arbeitet, aber in der Textilwirtschaft, dem Tourismus, der Gastronomie oder anderen Branchen, denen Corona gerade die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen droht.

In solchen Situationen hilft manchmal ein Blick in benachbarte Branchen. Etwa der Milchwirtschaft. Die hat sich auf Bundesebene auf eine Sektorstrategie verständigt. Die soll helfen, künftige Krisen auf dem Milchmarkt besser zu bewäl­tigen. Die ist zwar noch nicht in allen Details ausverhandelt und ausgereift, hat sich aber, so Hans Stöcker, Vorsitzender der Landesvereinigung der Milchwirtschaft in NRW, im Gespräch mit der LZ, angesichts von Corona bewährt.


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