05.05.2021

Kommentar LZ Rheinland Nr. 18/2021 - Die Debatte ist wieder eröffnet

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die EU-Kommission will mit Green Deal und der Farm-to-Fork-Strategie ein großes Rad drehen, das den landwirtschaftlichen Betrieben einiges abverlangen würde. Jetzt hat sie eine Studie veröffentlicht, die es (vielleicht) ermöglicht, mit neuen Züchtungsverfahren die hochgesteckten Ziele zu erreichen.

Vergangene Woche hat die EU-Kommission eine seit Langem erwartete Studie veröffentlicht. Die befasst sich vereinfacht ausgedrückt damit, wie das Gentechnikrecht der EU und neue Züchtungsverfahren, wie zum Beispiel die Genschere CRISPR/Cas, zusammenpassen. Vor allem die Gegner haben sich seit Wochen warm gelaufen und ihre Argumente gegen eine Modernisierung des europäischen Gentechnikrechts schon einmal sortiert. Die haben sich aber seit der Jahrtausendwende, als sich die EU das letzte Mal ausgiebig mit der heute geltenden Gesetzgebung zur Anwendung gentechnischer Verfahren befasst hat, nicht wesentlich geändert. Beschworen werden neben ethischen Aspekten wie ehedem vor allem mögliche Risiken durch die Freisetzung veränderter Organismen sowie die möglicherweise fehlende Akzeptanz in der Verbraucherschaft.

Nicht neu, aber stärker in den Vordergrund getreten ist die Frage der Nachweisbarkeit. Die neuen Technologien zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie ein Zuchtprodukt liefern, das auch auf dem Weg herkömmlicher Mutagenese, so bezeichnet man die Veränderung von Erbgut, entstehen kann: in der Natur durch eine Spontanmutation oder künstlich ausgelöst mittels Beschuss mit radioaktiven Isotopen oder durch den Einsatz von Chemikalien. Der Nachteil dieser gesetzlich zugelassenen Verfahren liegt allerdings darin, dass für ein Zuchtprodukt mit gewünschten Eigenschaften unzählige Anläufe nötig sind, weil die Genveränderung zufällig und ungerichtet erfolgt. Es kann also lange dauern, bis der erwünschte Treffer dabei ist. Genscheren arbeiten dagegen präziser. Sie sind auf einen Genort gerichtet, dessen Lage und dessen Funktion in einem Organismus bekannt sind. Das kann das Tempo in der Zucht erhöhen.

Eine solche Tempoerhöhung ist heute nötiger als damals vor 20 Jahren. Die zurückliegenden Sommer haben gezeigt, dass Widerstandskraft gegen Trockenheit im Ackerbau zunehmend wichtiger wird. Immer schwerer wird es auch, Resistenzen zu Leibe zu rücken oder Erkrankungen vorzubeugen, wie zum Beispiel dem Vergilbungsvirus in Zuckerrüben. Und dann ist da noch die Politik. Ob Insektenschutzpaket der Bundesregierung oder Green Deal der EU – jedesmal werden an die Landwirtschaft Anforderungen gestellt, die im Bruchteil normaler züchterischer Horizonte erfüllt sein sollen. So soll der Farm-to-Fork-Strategie zufolge, die den landwirtschaftlichen Part des Green Deal abdeckt, bis zum Jahr 2030 der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um die Hälfte und der Nährstoffeinsatz bei der Düngung um 20 % gesenkt werden. In neun Jahren Lösungen für Anforderungen zu finden, für die die konventionelle Zucht Generationen braucht – wie soll das denn gehen? Nebulöse Vorschläge für ein Umsteuern in den Bewirtschaftungsmethoden reichen dafür nicht. Auch Produktinnovationen in Düngung und Pflanzenschutz würden das allein nicht schaffen, vorausgesetzt, sie nehmen überhaupt die immer höheren Hürden der Zulassung.

Die EU richtet daher in ihrer aktuellen Studie den Blick auf das Potenzial der neuen Verfahren, um damit „Nachhaltigkeit und Widerstandskraft der Agrarsysteme“ zu stärken. Die Stärke nutzen kann aber nur, wer die Mittel dafür in der Hand hat. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: von anderen zukaufen, weil man die Entwicklung an sich hat vorbeiziehen lassen, oder schnellstmöglich den Rückstand durch eigene Anstrengungen aufholen. Dass der Rückstand bei den neuen Züchtungsmethoden in der EU riesig ist, liegt an der Gesetzgebung zur Gentechnik. Die hat dafür gesorgt, dass hiesige Einrichtungen und Unternehmen ihre Forschung ins Ausland verlagert oder sich ganz davon verabschiedet haben. Das muss sich ändern! Die Modernisierung des Gentechnikrechts ist auch deswegen nötig, damit Forscher hierzulande den Ball wieder aufnehmen und damit einer drohenden Abhängigkeit vorbeugen. Vor allem das außereuropäische Ausland treibt seinen Technologievorsprung unbeirrt von hiesigen Dünkeln nämlich zielstrebig weiter voran.

Natürlich gibt es viele Fragen zu klären. Eigene Untätigkeit beantwortet die aber nicht. Daher ist es gut, dass die EU die Diskussion neu eröffnet. Geführt werden muss sie allerdings ohne falsche Vorbehalte aufseiten ideologisierter Gegner und ohne falsche Heilsversprechen, mit denen sich Gentechnikbefürworter in früheren Jahren hervorgetan haben. Beides bringt weder Gesellschaft noch Landwirtschaft weiter.


LZ Rheinland Nr. 23/2021

Gartenbau Profi Nr. 06/2021

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 03/2021

All Hentai games https://dtsmusic.top/ Foot Fetish