02.05.2019

Kommentar LZ-Rheinland Nr. 18/2019 - Sie lieben uns, sie lieben uns nicht

Marilena Kipp

Jedes Kind kennt das alte Spielchen: Das Gänseblümchen symbolisiert den heimlichen Schwarm und die abgezupften Blätter zeigen, wie es um die Gefühlswelt steht: Er/Sie liebt mich oder er/sie liebt mich nicht. Ganz ähnlich sieht es manchmal mit Verbrauchern und Landwirten aus. Eine Problembeziehung ohne Lösung?

Zugegeben, von Gänseblümchen auf Landwirte und Verbraucher zu kommen, ist nicht unbedingt naheliegend. Das alte Spiel mit den Gänseblümchen kommt meistens dann zum Einsatz, wenn man irgendwie in einer unglücklichen Beziehung steckt. Und das passt dann doch auf merkwürdige Weise. Denn in einer unglücklichen Beziehung stecken auch wir als Landwirtschaft mit den Verbrauchern. Es wird gezweifelt, kritisiert, trotzdem aber auch die gegenseitige Wichtigkeit erkannt. Wer blickt da noch durch?

Einerseits sind Landwirte die Versorger und damit auch Vertrauenspersonen schlechthin. Sie sorgen dafür, dass jeder in Deutschland eine große Auswahl an qualitativ hochwertigen, gesunden und vor allem sicheren Lebensmitteln hat. Und das in einer Gesellschaft, in der viele nicht mehr wissen, wie eine Zuckerrübe überhaupt aussieht und dass man aus ihr tatsächlich Zucker macht. Der Radiosender 1live konfrontierte im April verschiedene Landwirte mit den gängigsten Klischees über ihren Beruf. Ein Format, das der Sender regelmäßig mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen durchführt. Also nehmen Landwirte auch hier eine wichtige Rolle ein.

Andererseits aber stehen sie oft in der Kritik: Haltungsbedingungen der Tiere, Pflanzenschutzmitteleinsatz, Biodiversitätsverluste – das Spektrum der kritischen Themen ist groß. Vielleicht sind manche auch gerechtfertigt. Vielleicht kann man beim einen oder anderen Thema andere Wege gehen. Dass das geht, machen ja schon viele Landwirte mit neuen Konzepten vor. Doch es gibt auch Themen, da hat man das Gefühl: Hier stimmt was nicht bei der Verständigung, wir reden irgendwie anei­nan­der vorbei. Das beste Beispiel: Pflanzenschutzmittel. Dass man diese verwendet, um Pflanzen zu schützen – dieser Gedanke ist irgendwo abhandengekommen. Aber wenn der Buchsbaum mit Zünslern befallen ist oder das Basilikum von Läusen bevölkert – dann unternimmt man als Verbraucher ja auch was? Warum ist das also bei Nutzpflanzen so verpönt?

Schuld ist vielleicht das an einigen Stellen fehlende Vertrauen. Und das wieder zu bekommen, ist wie in jeder Beziehung nicht so leicht. Die Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit verändert und damit auch die Rahmenbedingungen der Verbraucher-Landwirt-Beziehung. Jahrzehntelang ging es um Ziele wie Nahrungssicherung, Technisierung und Wirtschaftlichkeit. Wir haben uns da­rauf eingestellt und unseren Teil für eine gute Beziehung getan. Und die Verbraucher haben sich an die selbstverständliche Sicherheit gewöhnt. Das Wissen, wie sie entsteht, ist verloren gegangen. Dafür sind mittlerweile andere Themen im Fokus: Umweltschutz, Tierethik, Nachhaltigkeit. Kein Wunder, dass dieser Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit manchmal schiefgeht.

Und doch ergänzt es sich an manchen Stellen auch. Blühstreifen und Blühpatenschaften, moderne Ställe, die zwar nicht ins Bullerbü-Bild passen, aber den Tieren wissenschaftlich nachgewiesenen Komfort geben, neue Direktvermarktungskonzepte. Landwirtinnen und Landwirte, die allen Widerständen zum Trotz ihre Arbeit lieben und weiterentwickeln. Diese Dinge zeigen, dass man wieder Schrittchen aufei­nan­der zugehen kann. Wie in vielen Beziehungen muss dabei an einem dringend gearbeitet werden: an der Kommunikation. Die Landwirtschaft muss wieder zeigen, was sie kann, und erklären, warum sie was tut. Sie muss sichtbar sein.

Aber auch der Verbraucher ist gefragt. Lebensmittelsicherheit darf nicht mehr als selbstverständlich angesehen werden. Und auch Themen wie die Entstehung von Lebensmitteln oder Flächenverbrauch gehören in die Köpfe. Da heißt es, erst einmal zuhören, statt gleich wieder zu streiten. Denn sonst ist von der Landwirtschaft bald nichts mehr übrig als ein zerpflücktes Gänseblümchen.


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