22.04.2020

Kommentar LZ Rheinland Nr. 17/2020 - Systemrelevant und lebenswichtig

Andrea Hornfischer

Corona wird seine Spuren hinterlassen – das merkt man schon jetzt. Das Coronavirus zwingt die Gesellschaft zu einem veränderten Verhalten. Klopapier, Mehl und Hefe sind plötzlich Mangelware. Und auf einmal weiß man wieder zu schätzen, wenn Lebensmittel in Deutschland produziert werden.

Was ist passiert? Keine Medienberichte mehr über Bauern, die zu viel Gülle fahren, über Massentierhaltung, Glyphosat oder Insektensterben. Keine Meldung zu Hühnerfleisch mit Antibiotika und kein Eier-Bashing vor Ostern. Im Gegenteil: In den Medien werden die Landwirte zurzeit gut dargestellt. Sie produzieren wertvolle Lebensmittel in der Krise. Während die ganze Welt still steht und im Haus bleibt, haben die Bauern Hochsaison auf dem Acker. Und auch darüber berichten die Medien positiv. Genau wie sie voller Verständnis über Erntehelfer berichten, die fehlen. Und über die Landfrauen, die Atemschutzmasken nähen (siehe S. 59), oder über Landjugendliche, die Einkaufsdienste übernehmen. Das war längst überfällig und tut der Bauernseele gut.

Auch die Politik agierte so schnell und unterstützend wie schon lange nicht mehr in Sachen fehlende Erntehelfer. Und auch wenn die Auflagen sehr hoch sind, so muss man doch anerkennen, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium angesichts der Lage alles nur Mögliche in die Tat umgesetzt hat. Das Ergebnis, dass Erntehelfer einreisen dürfen, wurde an einem Sonntag verkündet. Es wird rund um die Uhr für das lebensrelevante System Landwirtschaft gearbeitet.

Aber wie sieht unser Leben nach der Krise aus? Was verändert sich durch die Krise? Wird die regionale Landwirtschaft wieder wichtiger? Landwirte sind immerhin „systemrelevant“ wie Ärzte. Auf diese Weise wurden die Bauern, ganz ehrlich, schon lange nicht mehr gesehen. Man kann sich nur wünschen, dass die Wertschätzung, die sie jetzt erfahren, auch nach der Corona-Pandemie anhält.

Kaum einem war bewusst, dass die Landwirte unsere Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Kein Wunder, die Regale im Supermarkt waren immer voll. Jetzt gibt es Jubel und Freude über ein ergattertes Paket Mehl, Hefe oder eine Packung Klopapier. Und plötzlich ist das, was zuvor ganz selbstverständlich zu jeder Zeit da war, etwas, das man zu schätzen weiß.

Verzweifelt bis neidvoll mag so mancher Städter nun auf die Landbewohner blicken. Wenn Spielplätze gesperrt sind, Theater, Kino und Museen geschlossen sind, wird die Wohnung schnell zu eng. Auf dem Land und gerade auf dem Bauernhof hat man einfach mehr Möglichkeiten, sich zu bewegen sowie die Zeit sinnvoll und schön zu verbringen. Manche Wissenschaftler prophezeien nach der Pandemie daher eine Landflucht. Das Landleben scheint wieder attraktiver für mehr Menschen zu sein. Auch das ehrenamtliche Engagement, etwa der Landfrauen und Landjugendlichen, das auf dem Land schon ohne Krise gängige Praxis war, bekommt jetzt die An-erkennung, die es schon immer verdient hat. Aber erst jetzt wird es richtig wahrgenommen.

Vielleicht wachsen Stadt und Land durch die Krise enger zusammen. Durch die fehlenden Erntehelfer meldeten sich über 50 000 freiwillige Helfer aus der Gastronomie und anderen Bereichen, um auf dem Feld zu arbeiten. Die Bauern erlebten eine Welle der Hilfsbereitschaft und des Zuspruchs.

Trotz Krise muss man festhalten: Wir haben es gut in Deutschland. Unsere Bundesregierung hat rechtzeitig Maßnahmen eingeleitet, sodass sich die Infizierten-Kurve abflacht und Intensivbetten bisher auch für unsere europäischen Nachbarländer zur Verfügung gestellt werden können. Es werden Gelder bereitgestellt, die die Krise abfedern sollen. Trotzdem haben viele Sorgen, wie viele Betriebe die Krise überleben werden. Gerade jetzt, wenn die Preise für die meisten Produkte abstürzen, wenn die Saisonarbeitskräfte fehlen oder noch eine Trockenheit und knappe Futtermittel als Folge hinzukommen.

Hoffen wir, dass wir gut durch die Krise kommen – als gesunde Menschen, mit weiterlaufenden Betrieben und mit einer Bevölkerung, die das Landleben und die Landwirtschaft wieder mehr schätzt. Wenn am Ende Politik, Medien und Bevölkerung in Erinnerung behalten, dass es ohne Landwirtschaft nicht geht, könnte man der ganzen Krise etwas Positives abgewinnen.


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