25.04.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 17/2018 - Luft holen

Ein bisschen durchschnaufen dürfen die Landwirte in Nordrhein-Westfalen durchaus. Bescheinigt ihnen der gerade vorgestellte Nährstoffbericht doch, dass sich im Landesdurchschnitt die Nährstoffsituation verbessert hat. Doch die Puste brauchen sie noch. Nicht überall ist alles im grünen Bereich.

Man konnte vergangene Woche auf dem Schelmrather Hof in der Nähe von Neuss leicht den Eindruck bekommen, Ministerin Christina Schulze Föcking käme es durchaus gelegen, an dem Tag den Nährstoffbericht vorzustellen, den die Landwirtschaftskammer im Auftrag ihres Hauses erstellt hat; zumindest gelegener, als über andere Dinge zu reden. Denn das Interesse der anwesenden Journalisten galt zunächst und vor allem den Vorgängen im Zusammenhang mit der Auflösung der Stabsstelle Umweltschutz- und Verbraucherschutzkriminalität in ihrem Haus. Triumph und Gloria gab es zwar auch hier nicht zu verkünden, man merkte der Ministerin aber an, dass für sie die Nährstoffsituation in Nordrhein-Westfalen und welche Konsequenzen ihr Haus daraus zu ziehen gedenkt, das angenehmere der beiden Themen war.

Ihre politische Glaubwürdigkeit zu verteidigen, ist genauso eine gehörige Herausforderung wie die Stickstoff- und Phosphorpro­blematik. Während bei dem einen noch aufgearbeitet werden muss, was Behauptungen und was Fakten sind, liegen die Fakten in puncto Nährstoffsituation vor. Der Bericht weist eine auf NRW bezogen ausgeglichenere Nährstoffverteilung aus, und der Mineraldüngeraufwand ist ingesamt gesunken. Die Grenze von 170 kg Stickstoff je ha aus Wirtschaftsdüngern tierischer Herkunft nach alter Dünge-Verordnung wird überwiegend eingehalten, selbst in den meisten viehstarken Kreisen des Rheinlandes. Die Tendenz geht in die richtige Richtung und zeigt, die Landwirte können und sie wollen mitarbeiten, die Nährstoffüberschüsse zu verringern.

Die Umweltpolitikerin Schulze Föcking will und darf sich damit aber nicht zufrieden geben. Handlungsbedarf besteht in Bezug auf die Phosphorversorgung und Handlungsbedarf besteht in den veredelungsstarken Regionen, wie am Niederrhein und vor allem auch im Münsterland. Dort sind die Stickstoffüberschüsse nach wie vor deutlich. Die Viehhalter dort werden sich über kurz oder lang der Entscheidung gegenübersehen: Viehbestände abzustocken oder Gülle anderweitig unterzubringen. Logisch, dass mancher von ihnen in die Ackerbauregionen schielt; zumal die Verbringung in den vergangenen Jahren schon einen Teil dazu beigetragen hat, dass auf Landesebene die Nährstoffbilanz ausgeglichener geworden ist. Mit zunehmendem Gülletourismus stellt sich für die potenziell aufnehmenden Betriebe aber zunehmend die Frage, was sie dazu veranlassen soll, gerade in Zeiten verschärfter Dünge-Vorschriften. Die Antwort hat natürlich etwas mit der Preiswürdigkeit dieser Dünger zu tun, aber auch etwas damit, wie gezielt sich diese einsetzen lassen. Und sie hat, das darf nicht vergessen werden, damit zu tun, dass solche Dünger auch dazu beitragen, organische Masse in den Boden einzubringen und so die Bodenfruchtbarkeit zu fördern.

Selbstredend löst die Verbringung von Gülle nicht alle Probleme. Es gilt dabei genauso mögliche Zielkonflikte im Auge zu behalten, um nicht neue Probleme heraufzubeschwören. Sicher trägt ein verbessertes Güllemanagement zu einer besseren Qualität des Grundwassers bei. Das darf die Bevölkerung gerade dann erwarten, wenn die Politik mit Fördergeldern Anreize gibt, etwa um Lagerkapazitäten zu schaffen. Müssen die Mitbürger dafür jedoch in Kauf nehmen, dass noch mehr Tankwagen über die eh schon stark überlasteten Autobahnen in Nordrhein-Westfalen rollen, ist ein neues Akzeptanzpro-blem vorprogrammiert. Man muss sich nur einmal in den westlichen rheinischen Ackerbaustandorten umhören, wo im Frühjahr und im Herbst Laster mit einer gelben Nummer ein alltägliches Bild auf den Straßen sind.

Natürlich lässt sich das Transportvolumen durch Aufbereitung verringern. Am Gesamt-Nährstoffaufkommen ändert das ebenso wenig wie eine rasche Gülleeinarbeitung. Stickstoff- oder Phosphor reduzierende Fütterungsregimes können hier hilfreich sein. Doch auch sie fangen nur einen Bruchteil der heutigen Überschüsse auf. Die Kammer hat bei der Vorstellung des Berichts selbst einen Fingerzeig gegeben auf einen vernachlässigten Aspekt: die Nährstoffverwertung durch die Pflanzen. Was die Pflanzen aufnehmen und in Ertrag umwandeln, belastet weder Luft noch Boden noch Wasser. Aber leider ist es heute wenig populär bis verpönt, Effizienz und Leistungsfähigkeit in der Landwirtschaft in Verbindung mit Umweltschutz zu bringen.


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