21.03.2018

Kommentar LZ Rheinland Nr. 12/2018 - Kein Grund für Häme

Für die Betroffenen ist die Pleite der Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft (B.M.G.) bitter. Jenseits der wirtschaftlichen Konsequenzen spült das Aus des Milchhändlers Erinnerungen der Vergangenheit an die Oberfläche. Doch Häme ist unangebracht. Spaltung ist nicht das Rezept für Veränderungen im Sinne der Milcherzeuger.

Exakte Zahlen hat niemand. Ist es nur eine Handvoll oder sind es Dutzende rheinische Betriebe, die ihre Milch über die Berliner Einfuhr-Gesellschaft (B.M.G.) vermarktet haben? Bundesweit hat die Insolvenz des Milchhändlers rund 900 Betriebe vor die Frage gestellt, wohin mit der Milch? Einem Teil haben Molkereien vor Ort relativ zügig Unterschlupf gewährt. Für wie lange, ist unklar. Andere suchen nach wie vor nach einem neuen Abnehmer. Selbst wenn der Tankwagen noch kommt, ist nicht sicher, ob der seine Fracht irgendwo löschen kann. Fraglich ist zudem, was mit dem Milchgeld für die im Februar über die B.M.G, abgesetzte Milch ist. Die Milchbauern müssen sich vorerst damit begnügen, dass ein Insolvenzverwalter ihre Ansprüche zur Kenntnis nimmt und sie auf die Gläubigerliste setzt. Ob und wie viel Geld es einmal geben wird, steht in den Sternen. Für die Betroffenen ist das bitter. Schließlich geht es nicht nur um entgangenen Verdienst. Nach der letzten Tiefpreisphase ist, wie in vielen Betrieben, das finanzielle Polster reichlich dünn. Daher geht es nach dem Aus des Milchhändlers B.M.G für manchen auch um das eigene Aus.

Mancher mag sich selbst in diese Situation manövriert haben. Häme oder Schadenfreude sind dennoch fehl am Platz! Sicher war auch mancher, der jetzt im Regen steht, zu Zeiten der Milchkrise 2008 nicht zimperlich und vielleicht auch zu ra­biat in der Wahl der Mittel, um Kollegen zur Teilnahme an den damaligen Milchstreiks zu bewegen. Mancher spielte sich später als Schlau-Bauer auf, der sich nicht gängeln lassen wollte, der die Vermarktung lieber einem freien Unternehmen übertrug, das aktiver und agiler Milch vermarkten konnte als schwerfällige Genossen. Das Kalkül ist nicht aufgegangen, wie man jetzt weiß.

Ich habe durchaus Verständnis für Milchbauern, die ihrer Molkerei in schwierigen Jahren die Treue gehalten haben und nun darauf drängen, solchen Kollegen die Tür zu weisen. Befindlichkeiten sollten jetzt aber keine Rolle spielen. Die Menge, um die es geht – aufs Jahr umgerechnet bundesweit gerade 3 % der deutschen Erzeugungsmenge –, dürfte der Markt geräuschlos aufnehmen. Was die B.M.G. vermarktet hat, ist zudem bisher schon fast ausnahmslos an inländische Molkereien gegangen. Die Menge stellt also keine zusätzliche Belastung des Marktes dar. Genauer hinzuschauen gilt es in puncto Qualität. Denn es ist kein Geheimnis, sieht man von der Biomilch ab, dass sich Milcherzeuger über die B.M.G. aus solchen Qualitätssregimes und -programmen ausgeklinkt haben, wie sie bei festen Lieferbeziehungen heute Standard sind. Hier müssen sich betroffene Erzeuger strecken und sich nun denselben Standards unterwerfen, um ihre Milch dauerhaft stabil bei neuen Abnehmern unterzubringen.

Natürlich kann man Zweifel daran hegen, ob Nachhaltigkeits-, Frei-von- oder sonstige Programme nicht das eine oder andere Mal übers Ziel hinausschießen. Aber für Eines stehen sie: dafür, dass ohne die Beachtung der Verbraucherbedürfnisse heute kein Markt mehr zu machen ist. Just darum, welche Sicht und Erwartungen die Verbraucher auf und an die Milch­erzeugung haben, ging es auf dem diesjährigen Berliner Milchforum. Überschattet vom B.M.G.-Debakel stellten die Teilnehmer fest: Es ist zwar nicht alles Gold, die Milcherzeugung kann aber nach wie vor Sympathiepunkte verbuchen. Nur müsse die Branche Acht geben, die nicht zu verspielen.

Interne Scharmützel sind da wenig hilfreich. Sie sind den Mitmenschen letztlich egal, rauben der Branche aber die nötige Energie und Kreativität, um sich auf die sich immer schneller ändernden Bedürfnisse der Verbraucher einzustellen und sich gleichzeitig gegen Marktrisiken abzusichern. Die B.M.G.-Pleite führt vor Augen, dass die ganze Branche moderne Instrumente zur Überbrückung von Durststrecken und zur Bewältigung von Krisen braucht. Also muss sich die ganze Branche darum kümmern. Mit der Weigerung, über Bürgschaften privatwirtschaftliches Versagen abzufedern, unterstreicht der Staat, dass er diese Eigenverantwortung erwartet. Die lässt sich aber nicht im Klein-Klein von Befindlichkeiten organisieren. Der entsprächen auch staatlich verordnete Notstandsmaßnahmen nicht, die sich aus dem längst von der europäischen Realität überholten Milch- und Fettgesetz herleiten.


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