30.01.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 05/2019 - Drüberstehen

Marilena Kipp

Schon der amerikanische Schriftsteller Oscar Wilde wusste: „Vergib stets deinen Feinden, nichts ärgert sie so.“ Gut, von richtigen Feinden spreche ich hier nicht, das wäre auch übertrieben. Ich würde das Wort „Feinde“ durch „Kritiker“ ersetzen. Und damit bekommt die Geschichte einen ganz anderen Dreh, den man durchaus auf die Welt und auch die Agrarwelt heutzutage anwenden kann.

Der Ton wird nämlich durchaus rauer. Die Grüne Woche ist gerade rum und natürlich sorgte auch die „Wir haben es satt“-Demo für Aufsehen. Und die Berichterstattung über Feinstaub. Die natürlich, was für ein Zufall, rechtzeitig vor der Grünen Woche die Medien beherrschte. Da braucht man auch nicht warten, bis eine Studie wirklich veröffentlicht wird, sondern kann das auch schon mal vorher raushauen, wenn das zeitlich so schön passt. In Bonn ist ein Tiertransporter verunglückt und Tierschützer hielten für die toten Schweine eine Mahnwache ab. Wir haben ja sonst keine Probleme.

Sie merken, ich werde ironisch. Und auch ein bisschen wütend, je mehr ich darüber nachdenke. Diese Tendenzen begegnen einem auch immer öfter in den sozialen Medien. Es ist oft viel Frust und Wut im Spiel – auf beiden Seiten. Und es passiert leider auch öfter etwas, vor dem ich warnen möchte: Man begibt sich in der Diskussion auf das Niveau seines Gegners hi­nab. Und das ist nie eine gute Idee, denn man hat einfach nichts davon. Der Gegner kennt sich auf diesem niedrigen Niveau schließlich besser aus als man selbst. Es gibt viele Kommentare in den sozialen Medien, bei denen ich denke: Puh, das ist aber auch krass gesagt. Und ich lese oft den Satz: Ihr müsst auch mal draufhauen. Mal so richtig die Meinung sagen. Ja, kann man machen – bringt aber nix. Man fühlt sich vielleicht kurz besser oder bekommt viel Applaus von Berufskollegen oder Freunden. Doch man lässt sich auch auf ein Spiel ein, bei dem es keine Gewinner gibt. Was bringt uns das? Ist das wirklich Öffentlichkeitsarbeit? Spielt man seinen Kritikern damit nicht sogar in die Karten, wenn man Provokationen nachgibt? Kommt man damit wieder in die Mitte der Gesellschaft? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass das einen ­ahnungslosen Verbraucher, der zufällig über so etwas stolpert, ganz schön abschreckt.

Man kann den Dingen auch anders begegnen. Man kann „drüberstehen“. Und gleichzeitig eine Strategie entwickeln, wie man Themen für sich nutzen kann. Wie man intelligent vorgeht und ein positives Bild im Kopf der Leute erschafft. Man kann Größe zeigen, aufklären, aber auch ehrlich sagen, was man von Sachen denkt. Doch auch hier gilt: Der Ton macht die Musik. Ich kann verstehen, dass es einen manchmal frustriert. Da geht es mir genauso. Es hilft, wenn man die Positivbeispiele nicht aus den Augen verliert. Zum Beispiel den Artikel in der Bild „Danke an die Bauern“, der bei Facebook wahnsinnig oft geteilt wurde. Die Bayerische Landwirtschaftsministerin, deren Zitat: „Ich habe leider momentan den Eindruck, dass für alles, was auf dieser Welt passiert, die Landwirte verantwortlich gemacht werden“, vom Bayerischen Rundfunk in den sozialen Medien verbreitet wurde.

Öffentlichkeitsarbeit ist kein leichtes Geschäft, sondern harte Arbeit. Deshalb bin ich den vielen Landwirtinnen und Landwirten, die sich trotz des Stresses im Alltag in den sozialen Medien engagieren, überaus dankbar. Dank Ihnen kann man es schaffen, ein anderes Bild zu zeigen. Wir haben das Glück und manchmal auch den Nachteil, in einem wunderschönen Bundesland zu leben. Wieso Nachteil? Weil es sich nun mal auch um das bevölkerungsreichste Bundesland handelt. Wir haben 18 Mio. Menschen direkt vor der Haustür. Und diese Menschen haben Fragen. Und ja, sie machen sich vielleicht auch mehr Gedanken darüber, was sie jeden Tag essen. Mag sein, dass dies aus einer Wohlstandsgesellschaft kommt, der es einfach sehr gut geht. Ist aber egal: Wir müssen uns damit ausei­nan­dersetzen. Und mit unseren Kritikern klarkommen. Sie mit der einen oder anderen Reaktion überraschen. Es Oscar Wilde gleichtun und sie damit vielleicht auch ein bisschen ärgern.


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