23.01.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 04/2019 - Alles Brexit?

Detlef Steinert

Kaum ein Thema ist derzeit so präsent wie der geplante Austritt Großbritanniens aus der EU. Das buchstäbliche Theater, das derzeit nahezu täglich aus Londons Parlament übertragen wird, ist mit ein Grund. Ein anderer, dass die Ungewissheit Unsicherheit nach sich zieht. Aber: Das sollte der Land- und Ernährungswirtschaft nicht den Blick darauf verstellen, wie wichtig oder unwichtig der britische Markt wirklich ist.

Am Montag vergangener Woche fiel das Votum gegen den Brexit-Deal, den die britische Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, im britischen Unterhaus mehr als deutlich aus. Dennoch sprachen tags darauf die Abgeordneten des britischen Parlaments ihr mehrheitlich das Vertrauen aus. Montag dieser Woche legte May nun einen Plan B für das weitere Vorgehen vor. Auch für den erhielt sie eine respektierliche Klatsche. Was sie als neuen Ansatz zu verkaufen suchte, war nichts weiter als alter Wein in alten Schläuchen. Ein Drama, dessen Akte also noch nicht gezählt sind.

Somit sind weder Großbritannien noch die EU und ihre verbleibenden 27 Mitglieder einen Deut schlauer, was jetzt auf sie zukommt, wann es auf sie zukommt und wie es auf sie zukommt. Entsprechend schießen die Spekulationen, wie man es aus den vergangenen Wochen schon gewohnt ist, munter ins Kraut. Auf vieles gibt es also auch weiterhin keine verlässlichen Antworten. Sagen lässt sich nur, dass auf die Menschen jenseits und diesseits des Ärmelkanals eine Menge Probleme und ungelöster Fragen zukommt und dass der Handel zwischen den Ländern leiden wird. Damit sind auch wirtschaft­liche Einbußen zu erwarten. Nordrhein-Westfalens Landes­regierung gibt sich angesichts dessen jedoch zuversichtlich. Laut Europastaatssekretär Dr. Mark Speich habe die Landes­regierung „seit langer Zeit die möglichen Szenarien durchdacht und sich entsprechend vorbereitet“.

Was „entsprechend“ im Fall der heinischen Land- und Ernährungswirtschaft bedeutet, wurde in dem Zusammenhang nicht weiter ausgeführt. Zwar dürfte sich der Wert, den die Ausfuhren an Gütern der Land- und Ernährungswirtschaft aus Nordrhein-Westfalen nach Großbritannien im vergangenen Jahr erreicht haben, auf etwa 850 Mio. € summieren. Unter den Topten der wichtigsten Export-Zielländer rangiert Großbritannien allerdings nicht. Was allerdings etwas verwundert, da Groß­britannien bei vielen Erzeugnissen auf Exporte angewiesen ist. So liegt der Selbstversorgungsgrad bei den auch für die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft besonders wichtigen Produktgruppen Fleisch und Fleischwaren sowie Milch- und Milcherzeugnissen deutlich unter 100 %. Und auch mit Obst  und Gemüse ist die Insel seit Jahren unterversorgt. Bei allen drei Segmenten haben aber seit Jahren andere Länder den Fuß in der Tür. Was das für den Absatz der heimischen Wirtschaft bedeutet? Direkte Einbußen für NRW wird es geben. Sie werden aber zu verkraften sein.

Schwerer dürfte es wiegen, wenn Exporte aus den Nieder­landen, Spanien, Dänemark oder Irland, die bisher nach Großbritannien verschifft wurden, dort landen, wo Lebensmittel aus Nordrhein-Westfalen einen gefestigten Stand haben. Hier können und müssen unsere Produzenten schon allein wegen ihrer räumlichen Nähe zu den Abnehmern ihre Vorteile ausspielen: einmal in den Niederlanden, zum anderen auf dem Markt vor der eigenen Haustür.

Die Grüne Woche, die derzeit in Berlin stattfindet, beweist es immer mehr, wie wichtig die Verbraucher ebendiese Regionalität und Nähe zum Erzeuger nehmen. Dabei geht es aktuell natürlich um Nachvollziehbarkeit, dabei geht es genauso um Genuss, aber es geht auch um Zugehörigkeit und Heimat. Dabei muss es nicht bleiben. Auch Ansprüche ändern sich mit der Zeit. Statt alle Energie auf einen Brexit oder Nicht-Brexit zu konzentrieren, tut die Wirtschaft daher gut daran, die 18 Millionen Menschen, die es in Nordrhein-Westfalen zu ernähren gibt, und deren Ansprüche im Blick zu behalten. Hier sehen sich die Unternehmen – Stichwort: Ansprüche an Tier- und Umweltschutz sowie Nachhaltigkeit – zwar auch gewissen Un­sicherheiten gegenüber. Aber dafür haben sie in anderen Dingen Verlässlichkeit: keine Währungsschwankungen, keine Zölle und kaum Schwierigkeiten bei der Logistik.


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