15.01.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 03/2019 - Der Riese wankt

Dr. Elisabeth Legge

Es lässt sich nicht leugnen: Die Zuckerbranche steht unter einem enormen Druck. Rübenanbauer und Zuckerunternehmen stecken in einer schweren Krise. Die Konzerne rechnen mit hohen Verlusten in der Zuckersparte. Wenn die Rübe vor allen Dingen im Rheinland langfristig eine Chance haben soll, müssen eine Menge Dinge angepackt werden.

„So eine Kampagne möchte ich nicht noch einmal erleben. Es war eine Katastrophe“, sagte kürzlich ein rheinischer Rübenanbauer. Und damit dürfte er das ausdrücken, was viele seiner Berufskollegen denken. Die gerade beendete Rübenkampagne 2018/2019 dürfte vielen in schlechter Erinnerung bleiben. Kein Wunder, denn die Dürre des vergangenen Sommers bescherte den Rübenanbauern niedrige Erträge. Zu Beginn der Kampagne hatte man noch mit durchschnittlich 70 t/ha gerechnet, im Endeffekt wurden es aber dann nur 63 t/ha. Auch der historisch hohe Zuckergehalt von durchschnittlich 18,8 % konnte den Ertragsverlust nicht wettmachen.

Damit nicht genug. Gute Zuckerpreise sind ebenfalls nicht in Sicht. Denn der Riese, sprich die europäische Zuckerindus­trie, wankt. Die niedrigen Erträge aus der abgelaufenen Kampagne sowie die Preisturbulenzen auf dem Weltmarkt bereiten den Zuckerproduzenten enorme Probleme. Die Zuckerbranche ist nach dem Ende der Zuckermarktordnung auf dem freien Markt angekommen. Und die Fallhöhe ist dabei enorm hoch. Die EU-Weißzuckerpreise liegen mit rund 350 €/t auf einem historisch niedrigen Niveau. Die Rübenanbauer und die Zuckerhersteller bekommen jetzt das zu spüren, was auch die Milcherzeuger nach Auslaufen der Quote erleben. Es gibt ein ständiges Auf und Ab bei den Preisen.

Der Zuckerbranche ging es dabei jahrzehntelang gut. Die ­Zuckermarktordnung mit Preis- und Mengenvorgaben sowie Export- und Importbeschränkungen sorgte fast ein halbes Jahrhundert lang für recht kommode Zustände in der Branche. Jetzt muss sich der Riese mit der Konkurrenz aus Ländern messen, die ihren süßen Stoff aus Zuckerrohr gewinnen, was viel günstiger ist als die Rübenkocherei. Und inzwischen wankt der Riese beträchtlich. Die jüngsten Meldungen der Konzerne sprechen eine deutliche Sprache: Nordzucker plant die Streichung von rund 200 Stellen. Außerdem wird nicht ausgeschlossen, dass einzelne Zuckerfabriken schließen müssen. Für das Geschäftsjahr 2018/2019 erwartet Nordzucker einen operativen Verlust von 40 Mio. €. Im Vorjahr war noch ein Gewinn von 154 Mio. € erwirtschaftet worden. Die Süd­zucker AG hat für die ersten neun Monate 2018/2019 einen operativen Verlust im Segment Zucker um 30 % auf Minus 83 Mio. € veröffentlicht.

Und wie sieht es mit dem rheinischen Zuckerkonzern aus? Auch an Pfeifer & Langen geht die Krise in der Zuckerbranche nicht vorbei. Der wirtschaftliche Druck ist enorm bei dem Kölner Unternehmen und hat auch schon Köpfe gefordert. Anfang vergangener Woche hat Frank Walser, einer der Geschäftsführer, überraschend das Unternehmen verlassen. Dabei hatte der Zuckerhersteller nach einer Presseveranstaltung Optimismus versprüht. Man rechne mit einer knapper werdenden Zuckerversorgung. „Die Produktion wird die Nachfrage nicht mehr decken“, zeigte man sich für das laufende Wirtschaftsjahr überzeugt. „Wir glauben fest an die Rübe“ wurde nicht nur im Rahmen dieser Pressekonferenz von Pfeifer & Langen wieder einmal verkündet.

Aber das Zuckerunternehmen ist gefordert, seine Rübenanbauer bei der Stange zu halten. Wer zukünftig als Zuckerhersteller bestehen will, muss heute schon an den Rohstoff von morgen denken. Was nutzen Investitionen in Fabrikstandorte, wie Pfeifer & Langen sie tätigt, wenn die Landwirte dem Rübenanbau immer mehr den Rücken kehren und die Rübe vom Feld verschwindet? Ein Unternehmen wie Pfeifer & Langen muss Rohstoffsicherung betreiben und Zuschläge für treue Produzenten auf den Weg bringen. Bei den nächsten Preisverhandlungen hat es die Gelegenheit dazu. Gerade das Rheinland ist prädestiniert für den Rübenanbau. Nicht umsonst zählt es zu den wichtigsten Anbauregionen in Europa. Damit das so bleibt und der Rübenanbau langfristig eine Perspektive im Rheinland hat, ist unter anderem Pfeifer & Langen gefordert. Aber auch die Politik muss sich bewegen. Die EU-Politik muss im Bereich der Beihilfenregelung und auch bei den Pflanzenschutzmittelzulassungen für fairen Wettbewerb sorgen. Es gibt also eine Menge zu tun. Und die Zeit drängt, da die Dreijahresfrist der Rübenanbauverträge ausläuft.


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