04.01.2019

Kommentar LZ Rheinland Nr. 01/2019 - Den Spiegel vorhalten

Detlef Steinert

Sie halten gerne anderen den Spiegel vor. Zum Beispiel der Landwirtschaft, wenn dort echte oder vermeintliche Versäumnisse festgestellt werden. Doch die Edelfedern überregionaler Medien wie etwa des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ tun sich selbst meist schwer, eigene Versäumnisse aufzuarbeiten und daraus Konsequenzen zu ziehen.

„Aufgrund einzelner Fälle wird eine ganze Gruppe verunglimpft.“ – Dieser Satz blieb mir im Ohr hängen, als ich ­zwischen Weihnachten und Silvester in die Redaktion der LZ Rheinland gefahren bin und dabei Radio gehört habe. Mit den einzelnen Fällen waren Betrügereien nach Deutschland zugewanderter EU-Bürger gemeint, die Kindergeldleistungen für angeblichen Nachwuchs erschlichen hatten, für den nicht einmal eine Geburtsurkunde existierte. Mit Landwirtschaft hat das erst einmal wenig zu tun, wäre da nicht eine Gemeinsamkeit: der eingangs beschriebene Mechanismus. An dem, der Pauschalisierung, beteiligt sich mitunter auch mancher ­Vertreter meiner Profession, also der Journalisten und der ­Medien. Die berufen sich dann gerne darauf, als vierte Gewalt im Staate eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, nämlich Missstände aufzudecken und so Veränderungen zu veranlassen. Um jedem falschen Eindruck vorzubeugen: Ich will keine pauschale Medienschelte betreiben; auch deswegen nicht, weil die Pressefreiheit in demokratischen Ländern einen Wert an sich darstellt und die Kontrollfunktion der Medien ein sehr hohes Gut ist. Dazu stehe ich, das entspricht meiner Haltung.

Vor wenigen Wochen wurde aufgedeckt, dass ein beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ angestellter Journalist es wohl mit der Faktentreue nicht so genau genommen hat. Tatsächlich konnten Kollegen nachweisen, dass der mehrfach mit angesehenen Journalistenpreisen Ausgezeichnete bei mehreren Geschichten im wörtlichen Sinne Geschichten erzählt hat, also einfach einmal Sachverhalte erfunden hat. Neben Reportagen über syrische Kriegskinder oder eine US-amerikanische Kleinstadt für das Nachrichtenmagazin soll es um Dutzende weiterer zweifelhafter Beiträge gehen, auch für andere bedeutende deutsche Druckmedien. Der Fall ist noch lange nicht erschöpfend aufgearbeitet, und ob er das jemals sein wird, daran darf man zweifeln. Denn nachdem der Fall Mitte Dezember für einige Tage nur mäßige Wogen geschlagen hat, ist der Großteil der deutschen Presselandschaft längst zur Tagesordnung übergegangen und hat den Fall als Einzelfall abgehakt. Nach bisherigem Stand der Aufarbeitung scheint eines jedenfalls gesichert zu sein: Der Journalist Claas Relotius hat wohl aus Vorsatz gehandelt, also mit Absicht. Über die ­Gründe für sein Handeln ist kaum etwas verlautet. Nachvollziehbar sind aber zwei Ansätze, die auch Journalisten diskutieren:

1. Der Druck, starke Geschichten zu produzieren, um sich Aufmerksamkeit zu sichern und so am Markt zu behaupten, wird immer größer.

2. Meinung rangiert vor Fakten; was nicht ins eigene Weltbild passt, wird vernachlässigt.

Man sollte den Fall Relotius nicht hochstilisieren und erst recht nicht verallgemeinern. Der Großteil der Journalisten arbeitet korrekt und verantwortungsvoll. Aber man darf den Fall Relotius als das betrachten, was hinter ihm mindestens steckt und eben auch anderen Branchen nicht fremd ist: als menschliches Versagen; einmal des Journalisten Relotius, der seinen Geschichten Sachverhalte zufügte, die schlicht erfunden waren; zum anderen als Versagen der Gegenprüfung durch die hausinterne Qualitätssicherung des Magazins „Der Spiegel“. Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aus Fällen menschlichen Versagens oder absichtlichen Fehlverhaltens Einzelner ihre Lehren gezogen und das Kontroll- und Sicherungsnetz bei Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln immer engmaschiger gezogen. Sie tragen auch weitere Sicherungsmaßnahmen mit, wenn sie dazu dienen, Schäden für die Gesundheit der Mitbürger abzuwenden. Eigentlich sollte man das Gleiche auch von der Medienwirtschaft erwarten dürfen: Sicherungsnetze zu installieren, die bei der Gewinnung und Verbreitung von Informationen dafür sorgen, dass die Mitbürger durch Falschmeldungen und daraus möglicherweise resultierende gesellschaftliche Forderungen keinen Schaden erleiden. Das sollte aber nicht die Politik in die Hand nehmen, und das darf sie auch nicht. Erstrebenswert wäre das nicht, denn schnell ist dadurch die Pressefreiheit in Frage gestellt. Aber es verbietet niemand den Medien, selbstkritisch das eigene Handeln zu durchleuchten. Kurz: Auch Medien sollten sich ab und zu den Spiegel vorhalten und gegebenenfalls das eigene Erscheinungsbild korrigieren.


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