08.10.2021

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 10/2021 - Braucht es noch Gärtner?

Marion Valenta

Der Lebensmittelmarkt ist im Umbruch: Regionale Lebensmittel boomen nicht erst seit der Corona-Pandemie, Bio-Produkte steigern jedes Jahr ihren Marktanteil deutlich und Fleischersatzprodukte haben es längst aus der Nische in die Regale der Discounter geschafft. Aber auch im Obst- und Gemüseanbau tut sich was.

Roboter ernten Äpfel und stechen Spargel, kleine autonome Feldroboter kümmern sich ums Unkraut auf den Feldern und Kräuter werden in der sogenannten Aquaponic in Kombination mit Fischen produziert. Auch wenn noch nicht alles fehlerfrei klappt, ist die Tendenz doch klar zu erkennen: Die Automatisierung wird immer weiter voranschreiten und Landwirtschaft und Gartenbau können sich davor nicht verschließen. Schon allein aus dem Aspekt der Arbeitswirtschaft heraus – Erntehelfer und qualifizierte Mitarbeiter sind immer schwerer zu finden – muss auch der Sektor der Primärpoduktion mit der Zeit gehen.

Aber die neue Technik ist sicherlich eines – und zwar sehr teuer. Das wurde auch auf den Tagungen zum Thema Vertical Farming, wovon allein drei in diesem September stattfanden, deutlich. Findet die (bislang vor allem) Salat-, oder Kräuterproduktion nicht mehr im Gewächshaus, sondern in einer Vertical Farm ohne Tageslicht statt, dann schnellen die Energiekosten in die Höhe. Diese immensen Stromkosten wurden in den letzten 10-15 Jahren zwar durch leistungsstärkere und billigere LED-Leuchten schon gesenkt, aber sie liegen immer noch in Bereichen, die ein wirtschaftlich rentables Betreiben solcher Anlagen schwer machen.

Am Beispiel Weizen rechnete Prof. Asseng, TU München, auf dem Vertical Farming Symposium in München zwar vor, dass theoretisch Erträge von bis 1 800 t/ha in einer zehnstöckigen Anlage möglich wären. Das wäre immerhin ein 25-fach höherer Ertrag als im deutschen Durchschnitt – und das auf dem Bruchteil der Anbaufläche.

Hier kommt aber auch schon ein großes ABER, denn wie groß ist denn die Fläche, die man für die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien braucht, um den immensen Energiebedarf einer Vertical Farm zu decken? Antwort der Experten: Sehr groß. Und damit ist einer der ganz großen Vorteile des vertikalen Anbaus im Vergleich zum herkömmlichen Freiland- oder Gewächshausanbau auch schon dahin.

Aber die Entwicklung schreitet weiter voran.  „Wenn Sie auf den Mars fliegen würden, wen würden Sie für den Anbau der Lebensmittel mitnehmen? Einen Investor oder einen Gärtner?“, sagt Jochen Haubner, Gärtnermeister. Da komme ich nochmal auf die eigentliche Frage: Brauchen wir noch Gärtner, wenn die Produktion der Zukunft quasi vollautomatisch abläuft und der Mensch immer mehr zum Störfaktor und möglichen Keime-und-Schädlinge-Einschlepper in geschlossenen Systemen wird? Hier die Entwarnung: Die meisten Experten waren sich darin einig, dass Vertical Farming nicht die herkömmliche Landwirtschaft bzw. den Gartenbau ersetzen wird, sondern eine Ergänzung werden wird.

Und warum sollen Gärtner nicht auch bei den neuen Produktionssystemen mitmischen und das Feld Start-Ups oder Investoren überlassen? Jochen Haubner, der im Nürnberger Knoblauchsland Salat in Hydroponic produziert und auf dem Münchner Symposium die Stimme der Praxis vertrat, brachte es auf den Punkt: „Wir Gärtner können das! Unsere Großeltern machten den Sprung vom Pferd zum Traktor, unsere Eltern vom Freiland zum Gewächshaus und unsere Kinder werden vielleicht in Vertical Farmen produzieren – wir sind schon immer mit der Zeit gegangen.“ Hoffen wir, dass es gelingt.

 

„Die Automatisierung wird immer weiter voranschreiten und Landwirtschaft und Gartenbau können sich davor nicht verschließen.“


LZ Rheinland Nr. 42/2021

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