16.09.2019

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 09/2019 - Letztlich eine gute Sache

„Oh ha“, denke ich, als mich per Zufall die Terminankündigung erreicht, „jetzt macht der Lebensmitteleinzelhandel schon seine eigenen Höfetouren!“ Bisher kannte ich Höfetouren als von Landwirtschafts- oder Gartenbauverbänden organisierte Tage der offenen Tür auf mehreren Höfen einer Region, die von den Besuchern, in der Regel Verbraucher, auf einer ausgeschilderten Route per Fahrrad angefahren werden. Diese Veranstaltungen erfreuen sich bei gutem Wetter großer Beliebtheit, ist doch auf den Höfen immer eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Information geboten, sodass der Sonntag damit gerettet ist.
Die Gärtner und Landwirte, die ihre Höfe öffnen, haben meistens lange zuvor mit der Planung begonnen und Familie sowie Freunde mobilisiert, um bei der Vorbereitung sowie am Tag selbst zu helfen. Da wird nicht nur das gesamte Gelände aufgeräumt und auf Hochglanz gebracht, da werden auch Infotafeln gestaltet, Zulieferer, Hüpfburg, Frittenbude und nicht zuletzt Toilettenwagen organisiert, der Fuhrpark geputzt und aufgereiht, Rundgänge angeboten und vieles mehr. Der Phantasie der Unternehmer sind da kaum Grenzen gesetzt und sie geben sich alle immer sehr viel Mühe, um den Besuchern ihre Produktion näher zu bringen und einen geselligen Tag zu bieten.
Nun hatte also eine große Lebensmitteleinzelhandelskette am Niederrhein zu einem „Tag der offenen Höfe“ eingeladen. Dafür wurden in den Läden ein paar Flyer ausgelegt und drei Tage vorher noch über Facebook informiert. Dementsprechend waren die Besucherzahlen überschaubar. Wie von den teilnehmenden Gärtnern zu erfahren war, zeichnete sich die gesamte Organisation durch eine gewisse Hemdsärmeligkeit aus. Erst drei Wochen vor dem geplanten Termin wurden die Betriebe informiert. Dass beispielsweise Toilettenwagen notwendig sind, darauf mussten die gärtnerischen Unternehmer die Zuständigen vom LEH erst hinweisen. Ganz offensichtlich hatten die Kollegen mehr Erfahrung mit der Organisation solcher Veranstaltungen als der Veranstalter selbst in diesem Fall. Wie jeder einzelne Gärtner den Tag für seine Gäste gestaltete, war ihm weitestgehend selbst überlassen.
Immerhin übernahmen die Veranstalter die Ausschilderung der Fahrradroute sowie die Beschilderung der Parkplätze und der LEH deponierte auf jedem Hof Äpfel, Bananen und Getränke kostenlos für die Besucher zum Mitnehmen. Ansonsten trat die Kette erstaunlicherweise am Tag der offenen Höfe nicht weiter in Erscheinung, wo sie doch eigentlich kräftig Werbung für sich und ihre Regionalmarke hätte machen können. Da vertraute man offenbar ganz auf die positive Wirkung der Authentizität der gastgebenden Gärtner und der Möglichkeit für die Verbraucher, hinter die Kulissen zu gucken.
Gärtner als kostengünstige Werbebotschafter? Regionalität liegt im Trend und wird vom LEH mit seinem Verständnis dafür gerne bedient, um den Käuferwünschen gerecht zu werden. Allerdings steht das Bekenntnis des LEH zur regionalen Produktion schnell auf wackeligen Füßen, wenn die Ware im Ausland billiger zu bekommen ist. Preise werden bekanntermaßen gnadenlos gedrückt und wenn der eine dafür nicht liefern will, dann tut das eben ein anderer. Ob die Verbraucher nicht im einen oder anderen Fall bereit wären, etwas mehr zu bezahlen für regionale Qualitäten, spielt keine Rolle, wenn es um den Preiskampf der Ketten untereinander geht.
Davon können wohl auch die Gärtner, die am Tag der offenen Höfe teilgenommen haben, ein Lied singen. Dennoch und trotz der Mühen der Vorbereitung werten sie den Tag als vollen Erfolg: weil sie einige Verbraucher erreichen und über ihre Produktion informieren konnten, weil sie sich davon eine höhere Wertschätzung ihrer Produkte versprechen, weil es bei der Ahnungslosigkeit mancher Verbraucher gar nicht genug solcher Veranstaltungen geben kann, weil sie sich auch von den regionalen Einzelhändlern nun mehr Verständnis erhoffen, weil sie persönliche Beziehungen zum regionalen Einzelhandel stärken konnten, weil sie stolz auf ihre Produktion sein können und diese gerne präsentieren, weil sie über den Tag verteilt viele nette Gespräche führen konnten und nicht zuletzt, weil sie mit Leib und Seele Gärtner sind und voll hinter ihrer Arbeit stehen!

„Bei der Ahnungslosigkeit mancher Verbraucher kann es gar nicht genug solcher Veranstaltungen geben.“


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