17.09.2014

Kommentar Gartenbau Profi Nr. 09/2014 - 10 Kilo Tomaten für einen Liter Benzin

Thoms Kühlwetter

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
dies ist sicher keine Aufforderung zur Rückkehr zum Tauschhandel. Dennoch mag das Beispiel sinnbildhaft verdeutlichen, in welcher Situation unsere Branche mit vielen ihrer Produkte gegenwärtig steckt. Wo ist die Wertschätzung für ein Lebensmittel und die Menschen geblieben, die mit ihrem vollen täglichen Einsatz und ihrem großen Verantwortungsbewusstsein dafür Sorge tragen, dass Verbraucher Tag für Tag qualitativ hochwertigste Erzeugnisse genießen können?

Wenn unsere Berufskollegen aus Belgien und den Niederlanden Mitte August 15 Cent für 1 kg Tomaten erhalten, so ist dies ohne Wenn und Aber ein Ergebnis der Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage bestimmen bekanntlich den Preis von Produkten. Im Hochsommer erreicht das Tomatenangebot saisonal bedingt seinen absoluten Höhepunkt. Genau in diese Zeit fallen die Sommerferien und viele Menschen sind im Urlaub, was die Nachfrage reduziert. Schon in den zurückliegenden Jahren herrschte im Tomatenanbau in den Niederlanden ein erbarmungsloser Verdrängungswettbewerb, einige Betriebe haben ihre Produktion umgestellt und sind z.B. zu den Erdbeeren gewechselt - 2013 mit 80 ha Gewächshausfläche. Es erfordert nicht viel Phantasie, um vorherzusagen, was langfristig mit den Erdbeeren geschehen wird.

Die Gesetze des Marktes

Übersteigt das Angebot eines Produktes die Nachfrage, sinkt der Preis. Einen Mindestpreis gibt es nicht, in Einzelfällen sind Waren unverkäuflich bzw. die Erzeuger verzichten auf die Ernte. Herrscht Angebotsknappheit, steigt auch der Erzeugerpreis. Erreicht dieser eine Höhe, die dem Einzelhandel zu teuer erscheint, wird ein Produkt einfach für eine Zeit ausgelistet, bis der Preis wieder auf ein Niveau gesunken ist, das der Handel bereit ist zu zahlen.

Aus langjähriger Erfahrung haben die meisten Gärtner diese Praxis immer wieder kennengelernt. Dabei möglichst häufig auf der „Siegertreppe“ zu stehen, ist eine unabdingbare Notwendigkeit und Voraussetzung für den Fortbestand des eigenen Unternehmens, müssen doch die Gewinne in „guten Jahren“ das Minus der „schlechten Jahre“ ausgleichen. Ist dies nicht möglich, bleibt nur, den Anteil der Fremdfinanzierung zu erhöhen, so lange die Banken dies mittragen oder den Betrieb aufzugeben bzw. zu veräußern – ein bitteres Ende nach jahrelanger, mit Passion und Herzblut erledigter Arbeit.

Des Schlechten zu viel

Wenn nun zusätzlich zu einem saisonal unvermeidbaren Überangebot ein Importstopp aus Russland kommt, der zumindest indirekte Folgen für den heimischen Markt hat, sowie eine wochenlange „Regenzeit“ mit nie gekannten Verhältnissen auf den Feldern die Arbeiten ständig unterbricht und am Ende unmöglich macht, ist die Stimmung gedrückt. Wenn über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehende Forderungen des Einzelhandels bezüglich Anzahl und Höchstwert von Rückständen oder die strenge Einhaltung von Sozialstandards und eine Pflicht zur fast grenzenlosen Dokumentation im Rahmen der Qualitätssicherung die Betriebe enorm fordert – und das bei ausgesprochen preisaggressiven Verhalten des Einzelhandels – droht das Fass überzulaufen. Was fehlt ist nur noch ein Gesetz zum Mindestlohn, doch dieses verabschiedet die Bundesregierung in aller Schnelle, die Forderungen des Berufsstandes bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt. Dass die Kirschessigfliege zum Ausklang des Sommers Westeuropa endgültig fest erobert hat und eine effiziente Bekämpfung dieses Schaderregers selbst mit größtem Aufwand kaum zu schaffen ist, muss fast schon als noch fehlendes i-Tüpfelchen in einer kaum enden wollenden Serie von Negativereignissen zur Kenntnis genommen werden.

Welcher Gärtner oder Landwirt soll in einer solchen Situation nicht den Mut und die Motivation verlieren? Was fehlt ist nur noch ein unangekündigtes Stichprobenaudit der Zertifizierungsorganisation, doch auch dieses wird vielleicht in Kürze folgen.

Rahmenbedingungen erschweren Alltag und Zukunft

Für viele Erzeuger und Erzeugnisse verlief die Saison 2014 bislang enttäuschend und der Ton unter den Berufskollegen wird vor dem Hintergrund der angespannten Situation rauher. Die Rahmenbedingungen unserer Branche werden permanent verschärft. Vielleicht sollten die für die Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen Verantwortlichen – ob im Umwelt- oder Baurecht bzw. einem der vorgenannten Bereiche - sich einmal die Frage stellen, was sie – in der Position eines Gärtners – dazu bewegen könnte, diesen überaus anspruchsvollen Beruf auch morgen noch auszuüben und was sie ihrem Nachfolger in der aktuellen Situation mit auf den Weg geben würden.


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