19.08.2019

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 08/2019 - Wer rettet die Welt?

Marion Valenta

Im Kampf gegen weltweite Müllberge hat das EU-Parlament in diesem Jahr entschieden, ab 2021 Einweggeschirr, Wattestäbchen und Trinkhalme aus Plastik zu verbieten. „Wow!“, möchte man da sagen, „Was für ein Wurf!“ Auf diese Artikel hat man sich geeinigt, da es für sie schon praktikable Alternativen gebe. Und was ist mit den hunderten Plastikverpackungen, die entweder völlig sinnlos sind oder für die es auch längst Alternativen gäbe wie Obst- und Gemüseverpackungen aus Pappe oder Holzfasern zum Beispiel?
Oft wird die schlechtere Verarbeitbarkeit in Verpackungsmaschinen als Grund für das Bestehen auf Plastikschälchen und der Hinweis auf Hygieneprobleme angeführt. Aber ist nicht vor allem der Preis ausschlaggebend? Man könne den Mehrpreis für eine andere Verpackung ja nicht an die Kunden weitergeben, bliebe dann als Erzeuger auf den Mehrkosten sitzen.
Aber in Zeiten, wo Unverpackt-Läden wie Pilze aus dem Boden schießen und sich die – zumindest ein Teil der – Bevölkerung Gedanken macht, wo und wie sich Plastikmüll vermeiden ließe, ist es vor allem für Direktvermarkter eine Chance. Machen Sie es wie die großen LEH-Ketten und brüsten sich damit, die Plastiktüte abzuschaffen. Aber machen Sie es dann auch richtig konsequent – nicht wie die großen Kollegen, die zwar werbewirksam Tüten aus der Kassenzone verbannen und Mehrweg-Obstnetze zum Kauf anbieten aber weiterhin einen Großteil des Obst und Gemüses in Plastikhüllen anbieten.
Beim Lebensmitteleinzelhandel setzt die Bundesregierung weiterhin auf Freiwilligkeit und wartet darauf, dass sich das Plastikverpackungsproblem von selbst löst. Die Gurken werden in vielen Supermärkten jetzt ohne Folienhülle angeboten und ein paar wenige Produkte mittels Branding gekennzeichnet. „Wow!“, möchte man da schon wieder sagen. Vielleicht bin ich ja zu ungeduldig, aber wieso geht das „Wir verkaufen Obst und Gemüse ohne Plastikverpackung“ nicht schneller? Könnte die Bundesregierung nicht einfach bestimmen, dass Lebensmittel, die eine „Eigenverpackung“ – nämlich eine natürliche Schale – besitzen, ohne Plastik verkauft werden müssen? Aber da werden sofort Rufe laut, dass wir doch in einer freien Marktwirtschaft leben und in keiner Diktatur, wo die Politik alles vorgebe. Das ist ja auch alles richtig, aber wenn nichts vorwärtsgeht?
Ähnlich ist es doch bei der Elektromobilität. Auch hier wird auf Freiwilligkeit und guten Willen gesetzt. Ein E-Auto-Gipfel folgt dem nächsten – ohne richtig konkrete Ergebnisse. Es gibt zwar Vorgaben, dass die Autokonzerne einen gewissen Anteil E-Fahrzeuge aufweisen müssen, aber ob die jemand kaufen möchte ist eine andere Frage. Da heißt es zum einen, dass die Reichweite der Stromer zu gering sei, und zum anderen, dass es zu wenig Ladesäule gäbe. Zu erstem sei zu sagen, dass viele Menschen regelmäßig eher kurze Strecken zur Arbeit, zum Einkaufen usw. mit dem Auto zurücklegen – hier tut‘s auch ein E-Auto. Ob man nicht auch einfach mehr Strecken mit dem Fahrrad zurücklegen könnte, ist eine andere Frage.
Und zum Problem mit den Ladesäulen: Der Ausbau geht nur schleppend voran, da nicht viele Stromer unterwegs sind, die diese nutzen würden. Es werden auch wenige gekauft, weil – abgesehen von den meist astronomisch hohen Verkaufspreisen – zu wenige Ladesäulen vorhanden sind. Und da beißt sich die Katze in den sprichwörtlichen Schwanz… Auch hier könnte man auf die verwegene Idee kommen, dass die Bundesregierung einfach mal einen Plan für eine flächendeckende Verteilung von Ladestellen erstellt und den ausführen lässt. Aber auch da vertraut man auf Gipfel mit Herstellern und hofft, dass der Markt alles regle.
Soweit, so gut, könnte man denken, der Ausbau der Elektromobilität soll ja jetzt richtig Fahrt aufnehmen. Bis 2020 – ach nein, das wurde auf 2022 korrigiert – sollen immerhin eine Million E-Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs sein. Macht man sich dann allerdings Gedanken, dass dafür auch mindestens ebenso viele Hochleistungsakkus gebraucht werden, hat die Sache schon wieder einen fahlen Beigeschmack. Braucht es doch einen immens hohen Energieaufwand, um diese herzustellen und oft werden dabei große Mengen Wasser verbraucht. Je nachdem wie effizient die Fabrik ist, in der die Lithium-Ionen-Akkus hergestellt werden, entsteht mehr oder weniger CO2. Über lange Zeit blieb die Frage nach den Umweltschäden, die verursacht durch die E-Mobilität z.B. in den Abbauregionen von Lithium entstehen, völlig ausgeblendet.
Und dann bleibt noch das Problem des Stroms – nur wenn E-Autos mit Ökostrom geladen werden, sind sie wirklich umweltfreundlich. Und wenn dann noch Kritik an der Entsorgung der Akkus laut wird, stellt sich am Schluss der Diskussion die Frage, ob die E-Mobilität unter dem Aspekt einer zukunftsorientierten Lösung unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit überhaupt Sinn macht - aber irgendwas ist ja immer!!

„Regierung oder Lobby – wer entscheidet?“


Neuerscheinung

LZ Rheinland Nr. 35/2019

Gartenbau Profi Nr. 08/2019

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 04/2019

Rheinlands Reiter+Pferde 09/2019