09.07.2018

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 07/2018 - Existenzbedrohende Entwicklung

Thomas Kühlwetter

Polnischer Spargel, türkische Kirschen, spanische Himbeeren – mitten in der heimischen Hochsaison gibt es Angebote, die nicht nur in Werbebeilagen und Anzeigen bekannter deutscher Einzelhandelsunternehmen großen Raum einnehmen, sondern massenweise die begehrten Plätze in den Verkaufsregalen und Theken füllen. Und dann folgt auch noch eine Empfehlung der Mindestlohnkommission für die Jahre 2019 und 2020, die eine Erhöhung des Mindestlohnes um fast 5,8 % beinhaltet. In vielen Erzeugerbetrieben ist die Stimmung trotz hervorragender Ernteaussichten auf dem absoluten Tiefpunkt. Die Preise stehen oftmals enorm unter Druck, Arbeitskräfte fehlen und die Auflagen steigen permanent – wie soll das bloß weitergehen?

Sie werben auf Plakaten mit Gesichtern heimischer Landwirte und Gärtner und mit deren herausragenden Produkten – regional steht ganz oben auf der Agenda namhafter Handelsketten; vielleicht vor wenigen Jahren war das tatsächlich so, doch gegenwärtig kann man sich bei genauer Betrachtung nicht dem Eindruck verwehren, als habe das viel zitierte Bekenntnis zur Produktion aus dem regionalen Umfeld schon deutlich an Strahlkraft verloren, bevor es erst richtig zum Zug gekommen ist. Ich würde mich freuen, wenn diese subjektive Wahrnehmung eine Täuschung wäre. Dies zu glauben, fällt aber vor dem Hintergrund der aktuellen Situation bei vielen Produkten recht schwer.

Wettbewerb unter ungleichen Bedingungen

Oftmals ist es der Preis, der den Unterschied macht. Spanische Himbeeren zu 1 € je 125-g-Schale im Einzelhandel – mit diesem Preis kann kein deutscher Erzeugerbetrieb mithalten. In unserer Heimat läuft die Hochsaison für dieses Produkt an. In Deutschland beträgt der Mindestlohn (noch) 8,84 €, in Spanien 4,46 €, in Portugal 3,49 €, in Marokko liegt er wahrscheinlich nochmals deutlich darunter. In Serbien, einem Land, in dem die Sonderkulturen in jüngster Vergangenheit durch Investitionen in Großprojekte einen enormen Auftrieb erleben, beträgt der Mindestlohn 1,58 €.

Türkische Süßkirschen überschwemmen während der Hauptsaison – Deutschland verzeichnet in diesem Jahr eine mengenmäßig starke Süßkirschernte – den deutschen Markt – in der Türkei beträgt der Mindestlohn 2,53 €. Wenn der Mindestlohn, wie von der Kommission empfohlen, in den folgenden beiden Jahren nochmals um fast 5,8 % steigt, wird die Differenz zuungunsten der heimischen Erzeugerbetriebe nochmals größer. Im Wettbewerb mit den Konkurrenten aus Billiglohnländern wirkt dies ähnlich wie ein Strafzoll, in diesem Fall jedoch nicht für die Importeure, sondern für die heimischen Erzeuger, deren Rahmenbedingungen in sich in den zurückliegenden Jahren permanent durch eine scheinbar unendliche Flut von Auflagen verschlechtert haben und, wie voraussichtlich zu erwarten ist, auch in Zukunft noch weiter verschärft werden. Die abschlägige Antwort von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf ein Anschreiben der Berufsverbände mit der Bitte um Verlängerung der „70-Tage-Regelung“ (siehe Seite 5) mag hier vielleicht nur als ein Beispiel genannt sein.

Nur wer seine Stimme erhebt, wird gehört

Der Frust in den Erzeugerbetrieben sitzt tief. Sie fühlen sich zunehmend allein gelassen von Politik, Handel und Verbrauchern. Die Stimme der Landwirtschaft hat in den zurückliegenden Jahren permanent an Gehör in Politik und Gesellschaft verloren. Dies stillschweigend zur Kenntnis zu nehmen und treu und brav weiter die Auflagen und Vorgaben zu erfüllen, um den Anforderungen aus Handel und Gesellschaft gerecht zu werden, kann und darf nicht die Antwort sein.

Als Erzeugerbetriebe müssen wir mit Stolz auf das in den zurückliegenden Jahren Erreichte und Geleistete verweisen. Wir müssen unsere Stimme erheben und der Gesellschaft auch einmal deutlich machen, was wir geleistet haben. Vielen Verbrauchern ist nicht bewusst, mit welch hohem Engagement, mit wie viel Fürsorge und Sicherheit und nicht zuletzt mit wie viel Herzblut unsere Produkte in den Betrieben erzeugt werden. Wir erzeugen mit diesen Produkten einen enormen Mehrwert – jeder Unternehmer aus einem anderen Bereich würde diesen Mehrwert deutlich herausstellen. Was spricht dagegen, auch einmal vor Filialen von Einzelhandelsketten zu demonstrieren, wenn diese während der heimischen Hauptsaison die Märkte mit preiswerten Importprodukten überfluten. Viele Erzeugerbetriebe sind absolute Profis in der Produktion, aber im Marketing hapert es zum Teil erheblich. Es ist endlich an der Zeit, dass unsere Branche mehr Selbstbewusstsein in ihrer Darstellung nach außen gewinnt.

 

Zitat: „Viele Erzeugerbetriebe sind absolute Profis in der Produktion, aber im Marketing hapert es zum Teil erheblich.“


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