03.05.2019

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 05/2019 - Das Brexit-Drama mit Folgen für Deutschland

Birgit Scheel

In den vergangenen Wochen verging kaum ein Tag im englischen Königreich, der nicht schon bald in aller Ausführlichkeit in den britischen Geschichtsbüchern beschrieben werden dürfte. Nicht nur der Brexit ist historisch, auch das politische Chaos hat solche Ausmaße angenommen. Nahezu wöchentlich wird ein neues Kapitel im großen Drama geschrieben. Dabei sollte man meinen, die britische Regierung arbeite unter Hochdruck, den Austritt aus der EU bis Ende März zu regeln. Doch viel ist seit dem Referendum am 23. Juni 2016 noch nicht ausgehandelt worden. Mittlerweile hat die EU eine Verschiebung bis zum 22. Mai gewährt – vorausgesetzt das britische Parlament stimmt dem Austrittsvertrag zu (was, bis Redaktionsschluss noch offen war).

Welche Folgen ein Brexit für die deutsche Landwirtschaft haben wird, ist in vollem Umfang noch nicht absehbar. Klar ist aber, dass der Brexit – so er denn kommt - Auswirkungen für die EU nach sich zieht. Das Thünen-Institut erklärte kürzlich, dass das Vereinte Königreich ein sehr bedeutender Handelspartner für Deutschland ist. Im Jahr 2016 exportierte Deutschland Güter der Land- und Ernährungswirtschaft im Wert von rund 4,7 Mrd. € dorthin. Umgekehrt wurden Agrargüter im Wert von etwa 1,6 Mrd. € aus UK importiert. Damit überstiegen die Ausfuhren an Agrargütern die Einfuhren um nahezu das Dreifache. Einen solch großen Agrarhandelsüberschuss hat Deutschland mit keinem anderen Handelspartner.

Im Gegenteil: Bei fast allen anderen Handelspartnern importiert Deutschland mehr Agrargüter als es exportiert. Somit wird der Brexit in jedem Fall spürbare Auswirkungen auf die Agrarhandelsbeziehungen zwischen dem Vereinten Königreich und Deutschland haben. Dabei ist anzunehmen, dass sowohl ein regulärer als auch ein harter Brexit Folgen für die Handelsbeziehungen haben wird. Je härter der Brexit ausfallen, desto stärker werden vermutlich die Folgen sein, an die sich die Beteiligten anpassen müssen.

Für den Agrarbereich würde ein harter Brexit insbesondere höhere Zölle und ein stärkeres regulatorisches Auseinanderdriften bedeuten. So könnte das Vereinte Königreich zum Beispiel von der EU abweichende Standards in Bezug auf die Lebensmittelsicherheit einführen. Kommt es beispielsweise bei einem EU-Austritt zu abweichenden phytosanitären Anforderungen in beiden Regionen, würde das den Handel von Obst und Gemüse zusätzlich erschweren.

Die vom Brexit betroffenen Unternehmen haben sich zum Teil schon um neue Abnehmer bemüht bzw. versucht, weiterhin den Handel mit bestehenden Partnern zu investieren, um mögliche Einbußen aus dem Geschäft mit dem Vereinten Königreich zu kompensieren. Bei einer Verschärfung der Einfuhrbedingungen nach Großbritannien ist zu befürchten, dass für den dortigen Markt bestimmte Exporte (von Obst, Gemüse und Zierpflanzen z.B. aus Südeuropa oder Marokko) sich einen anderen Handelsweg suchen. Deutschland dürfte als alternativer Bestimmungsort wahrscheinlich ganz oben auf der Agenda stehen. Die heimischen Erzeuger müssten unter dem steigenden Importdruck leiden, so wie dies nach dem Russlandembargo auch schon der Fall ist – und die Politik schaut wieder einmal tatenlos zu.

Bei einer Verschärfung der Einfuhrbedingungen nach GB ist zu befürchten, dass für den dortigen Markt bestimmte Exporte sich einen anderen Handelsweg suchen.


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