12.04.2018

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 04/2018 - Augen verschließen hilft auch nicht

Tim Jacobsen

Anfang der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts blickten wir vom Weihenstephaner Berg nicht nur zum Sonnenuntergang sehnsüchtig in Richtung Gateway Arch im Westen. Wir glaubten fest daran, dass die Amis im Allgemeinen und die bei Monsanto in St. Louis im Besonderen einmal mehr alles besser wussten. Glyphosat wurde den Studierenden seinerzeit schmackhaft gemacht mit seinem Zusatznutzen als Phosphatdünger und die Genkanone war im Hinterhof des wenig charmant, aber durchaus zutreffend Barracke genannten Zuhauses des Zierpflanzenlehrstuhls aufgestellt. Mit viel Kölner Expertise haben wahrscheinlich auch wir Hilfswissenschaftler mit unseren Stundenlöhnen von weit unter 10 DM seinerzeit unseren Teil dazu beigetragen, dass letztes Jahr in Finnland und bald auch anderswo gentechnisch veränderte Petunien entdeckt wurden.

Deutlich verhärtet dann die Fronten zehn Jahre später, als ich das Wohl und Wehe des Freisetzungsversuchs der ETH-Kollegen von meinem Laborfenster im Zürcher Oberland aus mitverfolgen konnte. Im Nachhinein ist es leicht nachvollziehbar, dass den Verantwortlichen die üblichen Kardinalfehler unterlaufen waren: Es wurde schlichtweg unzureichend informiert und Kritik sowie Zweifel wurden nicht ernst genommen. Die Gerichtsverfahren zogen sich in die Länge und als dann tatsächlich ausgesät werden sollte, wurde der Käfig, in dem sich die strittigen 8 m2 Versuchsfläche befinden sollten, besetzt. Dem Hausfriedensbruch auf der einen Seite steht eine permanente Videoüberwachung des Personals auf der anderen Seite gegenüber.

Die Erinnerung an die Schilder, mit denen ich in Anlehnung an Kurt und Paola Felix auf die versteckte Kamera aufmerksam machte, lassen wahrscheinlich auch heute noch bei so manchem ehemaligen Kollegen den Blutdruck in gefährliche Höhen schnellen. So aber konnte man im Großen und Ganzen eigentlich sicher sein, dass sich Befürworter und Widerständler in etwa die Waage halten und schon nichts passieren würde, was das Gleichgewicht dramatisch ins Wanken bringen könnte. Bis auf gut neudeutsch der Gamechanger CRISPR/Cas ins Spiel kam. Disruptiver als alle Airbnbs und Ubers zusammen, brachte das 2012 erstmals von Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna zum Genome Editing benutzte System den Aufwand, der betrieben werden muss, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern, in die Größenordnung eines etwas teureren Experimentierkastens.

Dementsprechend herrscht Goldgräberstimmung unter all denjenigen, denen der traditionelle Züchtungsfortschritt schon immer zu langsam ging und zu aufwändig war, dementsprechend rasant ist auch der Fortschritt. Und anders als bei den berühmten Petunien, die als gentechnisch verändert ja nicht anhand des eingebrachten Zielgens, sondern anhand des verwendeten Markergens entlarvt wurden, lassen sich die gentechnischen Eingriffe mittlerweile derart präzise durchführen, dass sich sogenannte Crispr-Pflanzen kaum mehr unterscheiden lassen von konventionell gezüchteten.

Wobei konventionell ja keineswegs Bienchen und Blumen heißen muss, sondern auch radioaktive Strahlung oder der Einsatz von Chemikalien, die nicht unbedingt zum Haushaltsbedarf gehören. Mit Hilfe von Mutagenese gezüchtete neue Sorten fallen dann auch nicht unter die GVO-Richtlinie 2001/18EG, können also ohne spezielle Sicherheitsanforderungen aufs Feld und ohne spezielle Kennzeichnung in den Verkehr gebracht werden – die viel diskutierte Pink Grapefruit lässt grüßen. Ob nun auch die Crispr-Pflanzen, die ja wie beim Base editung zumindest der Theorie nach zufällig durch Mutagenese entstehen hätten können, unter die Mutagenese-Ausnahme fallen, muss in den nächsten Wochen niemand geringerer als der Europäische Gerichtshof entscheiden.

EuGH-Generalanwalt Michael Bobek veröffentlichte dazu Mitte Januar dieses Jahres sein offizielles Vorentscheidungsersuchen und folgt im Großen und Ganzen der Argumentation, dass erbgutveränderte Organismen nur dann als gentechnisch veränderte Organismen im Sinne der Richtlinie einzuschätzen sind, wenn ihr „genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürlichem Weg nicht möglich ist“. Folgen die Richter der Einschätzung Bobeks, was unter Experten als eher sehr wahrscheinlich gilt, entscheidet also nicht länger das biotechnologische Verfahren zur Erzeugung neuer Kultursorten über die Regulierung, sondern die Eigenschaften des fertigen Produktes, gewissermaßen eine 180 Gradwende mit ein paar Gratispirouetten derer obendrauf, die das bis jetzt noch geltende Vorsorgeprinzip schon immer als fortschrittsfeindlich einstuften.

Start-ups und kleine Firmen bekämen dadurch die Möglichkeit, schnell und kostengünstig Produkte auf den Markt zu bringen und damit der großen Konzentrationsbewegung im internationalen Saatgutmarkt entgegen wirken zu können. Was derzeit bereits möglich ist, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: 2019 soll es nach Wunsch der Berliner Koalition vorbei sein mit dem Töten von Eintagsküken – nur wie das gehen soll, weiß so richtig noch keiner. Während die deutschen Strategen aufwändige spektroskopische Untersuchungen einer Blutader am Dotter bzw. die Bestimmung des Hormonhaushaltes des Harns im Ei als Lösung vorschlagen, haben die Australier einfach mal das Gen für einen fluoreszierenden Farbstoff an das männliche Geschlechtschromosom gekoppelt. Werden die markierten Hühner dann von nicht markierten Hähnen befruchtet, leuchten die männlichen Embryos im UV-Licht und könnten direkt zu Rührei weiter verarbeitet werden.

Zitat: Die Kartoffel gibt es nicht, damit der Mensch eine Sättigungsbeilage zum Spinat hat – der Mensch hat sie erst dazu gemacht.


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