12.03.2020

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 03/2020 - Disruption, einmal durch und durch

Tim Jacobsen

Fast könnte man meinen, Norbert Röttgen wäre an allem Schuld. Schließlich war er es, der gewissermaßen als Notbremse Schwung in die Sache brachte und der CDU eine vorgezogene Kanzlerinnendebatte bescherte. Nachdem der Sitzungs- mit dem Straßenkarneval eigentlich auch kalendarisch sein Ende gefunden hatte, konnte einem nach Aschermittwoch mitunter das Gefühl überkommen, dass der Fastelovend mit den vier Herren aus Nordrhein-Westfalen in eine zwar überraschende, aber für nicht direkt Betroffene durchaus vergnügliche Extrarunde ging.
Spätestens, seit das Coronavirus über Heinsberg in die Bundesstadt Bonn gefunden hat, ist nun allerdings auch im Rheinland die Karnevalsverlängerung schlagartig vorbei. Wer in der Zeitung etwas zu Erfurt, Hamburg oder mögliche zukünftige Parteivorsitzende erfahren möchte, muss weit blättern. Und wer Kartoffeln, Zwiebeln oder Reis kaufen mag, muss Glück haben, dass die Regale gerade aufgefüllt wurden. Wobei es dann schon einmal passieren kann, dass dort, wo schon immer das Mehl zu finden war, auf einmal Zucker liegt - was sich hauptsächlich damit begründen lässt, dass irgendetwas im Regal immer noch besser aussieht als ein leeres Regal.

Nur eine Woche, nachdem der Karneval Hunderttausende zosamme auf die Straße gebracht hat, werden auf einmal allerorten Veranstaltungen abgesagt: das reicht von der Physikshow im Hörsaal der Bonner Uni bis hin zur Tourismusbörse auf dem Berliner Messegelände. Und waren die Chinesen, Südkoreaner, Iraner und Italiener bisher immer noch weit weg, so ist mit den zuletzt rund 130 nachgewiesenen Fällen auf einmal auch bei uns Wuhan.

Und auf einmal sieht man auch die, die sich vor kurzem noch über leere Regale in Norditalien, in denen nur noch die Vollkornpasta nicht verkauft war, lustig gemacht haben, schwere Tüten nach Hause schleppen – wobei in Bonn am letzten Samstag beispielsweise auch der Vollkornreis der einzig noch erhältliche Reis beim Discounter war. Und auf einmal kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, der gerade Besuch bekommen hat von den Michelinmännern in ihren Überdruckanzügen.

Was uns allen wohl am meisten zu schaffen macht, ist die diffuse Angst vor etwas, das wir zwar erklären, aber nicht unbedingt verstehen können. Zumal Viren ja auch noch anders als Bakterien und Pilze keinen eigenen Stoffwechsel besitzen, sondern zwingend auf einen Wirtsorganismus angewiesen sind. Wobei wie bei jedem anderen Pathogen auch für Viren gilt, dass nur ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Virulenz und Pathogenität das eigene Überleben sichert: ein Virus, das hochansteckend einen schweren Krankheitsverlauf mit letalem Ende auslöst, käme nicht sehr weit. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass dann da ja auch noch die Stunde der Statistik schlägt: Je mehr Viren im Umlauf sind, umso wahrscheinlicher wird es, dass sich irgendetwas in irgendetwas verwandelt, dass noch angepasster und zwar nicht im netten Schwiegersohn-Sinne ist.

Komisch eigentlich, dass bei uns jedes Jahr eine Vielzahl mehr Menschen an einer Infektionskrankheit sterben als an der Teilnahme am Straßenverkehr – und dies kaum jemand weiß. Komisch dann auch, dass kaum ein Autobahnkilometer ohne ein um ein Straßenverkehrsopfer trauerndes Kind auskommt, aber man von Flensburg bis Garmisch fahren kann, ohne an einfache Hygieneregeln wie regelmäßiges Händewaschen erinnert zu werden. Aber auch die Lebensgefahr, die von Haien, Löwen, Nilpferden, Alligatoren, Krokodilen und Skorpionen ausgeht, wird allgemein grandios überschätzt und liegt zusammengenommen weit unter der Anzahl Toten, die Spinnenbissen zum Opfer fallen.

Niemand, und wahrscheinlich sogar wortwörtlich niemand, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt Anfang März vorhersagen, welchen Weg der Coronavirus tatsächlich einschlägt: wird es einen Börsenkollaps geben, von dem sich die Weltwirtschaft lange nicht erholen wird, wie die Doomsdaypropheten prognostizieren? Oder wird sich der Coronavirus einreihen in eine Reihe von Vorgängern, deren Medienpräsenz letztendlich nur den Aktienkursen der beteiligten Pharmafirmen zu Rekordwerten verhalf, wie die Berufszyniker sagen?

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung ist der Gesprächsbedarf hoch, Vertrauen ist Mangelware. Davon profitieren insbesondere auch Regionalvermarktungskonzepte und Direktvermarkter - nutzen Sie Ihre Chance als Gegenentwurf zu einer in zunehmendem Maße entfesselt wirkenden Welt - mehr aber noch: bleiben Sie gesund!

Zitat: Pragmatisch gelöst: Seit Ende Februar lautet die Losung beim Basketball nicht mehr `High Five´, sondern `High Ellenbogen´


LZ Rheinland Nr. 01/2021

Gartenbau Profi Nr. 01/2021

Spargel & Erdbeerprofi Nr. 01/2021

All Hentai games https://dtsmusic.top/ Foot Fetish