08.01.2020

Kommentar Gartenbau-Profi Nr. 01/2020 - Power to the Bauer

Tim Jacobsen

Es passiert nur ganz selten, dass beim Gartenbau-Profi Uneinigkeit bei der Einordnung und Beurteilung von Entwicklungen herrscht. Das letzte Mal war dies der Fall, als vor Jahren Rückstandsanalysen von Greenpeace zu einem Produzenten-seitigen „wie könnt Ihr es wagen“ führten. Auch damals bestand der eigentliche Konflikt darin, dass berechtigte Interessen auf Seiten der Lebensmittelproduzenten denen von Verbrauchern und ihren oftmals selbst ernannten Vertretern gegenüberstanden - und beide Seiten allenfalls mit Unverständnis aufeinander reagierten; auch bei uns in der Redaktion stieß eine Ertrags-orientierte Sichtweise auf ein „aber der Verbraucher“. Viele gesetzliche und privatinitiierte Rückstandshöchstmengen später hat sich gezeigt, dass das vermeintlich Unerreichbare so unerreichbar gar nicht war.

Auch die Bauernproteste polarisieren, nicht zuletzt, da in der gegenwärtigen Gemengelage viel zusammenkommt. Da gibt es ein sechzehnjähriges Mädchen, das genau so weit von allem abweicht, wie sechzehnjährige Mädchen normalerweise sind, dass man sich problemlos an ihr abreagieren kann. Dazu noch ein abermals trockener Sommer, das übliche Auf und gefühlt vor allem Ab der Märkte und dann wurde Anfang September im Bundeskabinett noch das vielzitierte Agrarpaket geschnürt: neben der Kürzung der Direktzahlungen um durchschnittlich 4,50 €/ha soll fortan die Herkunft tierischer Produkte mit einem freiwilligen staatlichen Tierwohllabel gekennzeichnet und unter dem eigentlich wohlklingenden Titel Aktionsprogramm Insektenschutz weitreichende Einschränkungen für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln eingeführt werden.

Umweltministerin Svenja Schulze spricht von einer Mengenreduktion an Pflanzenschutzmitteln um 75 %, die direkt Betroffenen von kalter Enteignung. Etwas unübersichtlich wird die Lage dadurch, dass es sich bei den drei Maßnahmen keineswegs um ein Paket handelt, dessen Weg durch Bundestag und -rat sich leicht verfolgen ließe, sondern um drei Einzelbausteine, die sich am ehesten mit „beschlossen“, „weit fortgeschritten“ und „in der Diskussion“ kennzeichnen lassen. Ende September musste die Bundesregierung dann zur Unterstreichung der Ernsthaftigkeit ihrer Bemühungen noch den Zeitplan für das Inkrafttreten der geänderten Düngeverordnung an die EU-Kommission nach Brüssel schicken – auch, um ein so genanntes Zweitverfahren und damit drohende Strafzahlungen abwenden zu können. Auch hier gilt, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in Gänze abzusehen ist, welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden. Sicher ist allerdings, dass es nach 2017 erneut eine Anpassung des Düngerechts geben wird, ambitionierter Zeitplan und höchst wahrscheinlich nicht weniger ambitionierte Ziele inklusive.

Der Ball liegt derzeit in Brüssel. Und dann ist da ja auch noch die mit-verantwortliche Landwirtschaftsministerin, die von allen Seiten so stark unter Beschuss steht, dass man meinen könnte, so schlecht können die Kompromisse gar nicht sein, wenn sie den einen nicht weit genug gehen, den anderen viel zu weit und alle gleichermaßen einen Grund finden, ihr vorhalten zu können, Winzertochter zu sein. So wird die Diskussion dann schnell persönlich und unter dem Deckmantel des Internets sind Nestbeschmutzerin oder Agrarlobbyistin noch die wenig zitierfähigen Schmähwörter.
Seit die CSU bei der letzten Landtagswahl fast eine Viertelmillion Wähler an die Grünen verloren hat, reitet auch Markus Söder auf der grünen Welle: Aus einem unliebsamen Volksbegehren zum Insektenschutz bastelte er handstreichartig ein Regierungsprogramm; vor den möglichen Folgen des Ende letzten Sommers in Baden-Württemberg angestoßenen Volksbegehrens mit dem klangvollen Titel „Rettet die Bienen“ warnt sogar der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Und wer dann immer noch immer noch nicht genug hat, bekam im Sommer mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur noch ein weiteres Element der Verunsicherung gewissermaßen gratis obendrauf.

Kein Wunder, dass angesichts der am eigenen Leib erfahrenen Ohnmacht dann so manchem der Kragen platzte. Und ähnlich, wie sich der Arabische Frühling in gewisser Weise aus dem Nichts heraus selbst organisierte, brauchte es auch im vergangenen Herbst kaum mehr als Smartphones, Internet und den Willen, etwas Grundlegendes verändern zu wollen, um binnen weniger Wochen eine Bewegung in Gang zu setzen, die beim Kanzlerinnengipfel dann schon mit dem altehrwürdigen Bauernverband um die Deutungshoheit konkurrierte.

Eine Bewegung, die sich allenfalls selbst stoppen kann. Eine Bewegung, die von Natur aus eine schier kaum zu überblickende Vielzahl von Interessen zu vertreten hat und die allein schon deshalb von vielen zur Verfolgung ihrer Partikularinteressen genutzt wird. Eine Bewegung, die der öffentlich einsehbaren Internetkommentierung nach zumindest in Teilen zur Radikalisierung neigt und gerne Verschwörungstheorien diskutiert. Eine Bewegung, die aber auch ein Licht auf Dinge wirft, die schief laufen in unserer Gesellschaft. Insofern unterscheiden sich die Kinder, die freitags nicht in die Schule gehen, gar nicht so dolle von den Frauen und Männern, die je nach Sichtweise für ihre Interessen einstehen oder den Berufsverkehr behindern.

Die Facebookgruppe Land schafft Verbindung hatte Mitte Dezember knapp 28 000 Mitglieder. Angenommen, jedes dieser Mitglieder gäbe nur hundert Euro im Jahr, welch kommunikative Schlagkraft könnte sich daraus entwickeln - um eine Wiederbelebung des Absatzfonds bräuchte sich jedenfalls dann niemand mehr Gedanken machen.

„Hashtag BauernDemo und fertig ist der #BauernProtest“


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